Leseprobe aus „Rendezvous“ (BoD, 2020)

Los Angeles, USA

Marc Sobeck huschte leise durch die schmalen Gänge eines Hotels, das definitiv schon bessere Tage erlebt hatte. Während er weiterlief, hoffte er, dass ihm niemand entgegenkam. Ein jeder, der ihn gesehen hätte, hätte mit Sicherheit geschrieen oder sonst ein verräterisches Geräusch gemacht, denn er trug eine Pistole am Gürtel, die er leider nicht verstecken konnte, da er nur ein einfaches T-Shirt trug.

„Warum muss ich immer die Drecksarbeit machen?“, dachte er.

„Das war das letzte Mal. Ich werde langsam zu alt. Gleich morgen höre ich auf. Morgen ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.“

Doch Marc war sich bewusst, dass sein Vorhaben leichter gesagt als ausgeführt war. Dass er seinen Job bis jetzt nicht aufgegeben hatte, hatte Gründe.

Der erste Grund war, dass der Job als Privatdetektiv nun einmal das war, für das sich Sobeck entschieden hatte. Wenn er den Job jetzt an den Nagel hängte, wüsste er nicht, was er stattdessen machen sollte, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Der zweite Grund war, dass es da draußen Menschen gab, die seine Hilfe brauchten, die auf ihn zählten. Er konnte sie nicht einfach so abweisen, nur weil er gerade nicht in der Stimmung war.

Und schließlich der dritte und wichtigste Grund: Sobeck liebte seinen Job, auch wenn er in diesem Moment anders darüber dachte. Er mochte das Gefühl, zu wissen, dass er jemandem geholfen hatte, der in Schwierigkeiten geraten war. Er war sich bewusst, dass er es nicht schaffte, ganz alleine die Welt zu verbessern. Aber auch nur einen einzigen Menschen wieder glücklich zu machen, war schon ein guter Anfang.

Seine neueste Klientin war eine ziemlich gut aussehende Frau mit brünetten Haaren, die ihren Ehemann verdächtigte, er würde sie mit einer anderen Frau betrügen, da er in letzter Zeit häufig erst mitten in der Nacht nachhause kam und ihr dann irgendwelche offensichtlich erfundenen Entschuldigungen auftischte. Also kam sie zu Sobeck und bat ihn, ihren Ehemann zu observieren.

„Nichts einfacher als das“, dachte sich Marc Sobeck zuerst.

Doch als seine Untersuchungen voranschritten, fand er heraus, dass es keine Frau war, mit der sich der Gatte traf, sondern Keith Henrikson, ein gesuchter Waffenhändler. Ihm schuldete der Ehemann noch Geld. Aber bevor er Weiteres unternehmen konnte, erfuhr er, dass die Ehefrau auf eigene Faust Ermittlungen angestellt hatte. Leider wurde sie dabei von Henrikson entdeckt, der sie daraufhin kidnappen ließ. Und so kam es, dass sich der Schnüffler auf der Suche nach ihr sich in diesem heruntergekommenen Hotel wieder fand.

Sobeck hatte Glück, niemand hatte ihn gesehen. Das gesamte Hotel war ruhig. Er kam schließlich an dem Zimmer vorbei, in dem er den Kidnapper und sein Opfer vermutete. Er entdeckte, dass die Tür nicht richtig geschlossen war. Sie war nur angelehnt. Der Schnüffler zog seine Waffe aus dem Gürtelhalfter und trat langsam ein.

Es war ein ganz normales Zimmer mit zwei großen Betten und einem Schrank für die Kleider. In der Mitte des Raumes jedoch stand ein Stuhl, auf der seine Klientin saß. Sie war mit einem Strick gefesselt worden, und ein Stück Isolierband klebte über ihrem Mund, so dass sie nur noch undeutlich Geräusche machen konnte, ihre Augen bewegten sich panisch hin und her. Ansonsten schien der Raum leer zu sein. Von Henrikson fehlte jede Spur, immerhin hatte er die Frau am Leben gelassen.

Als Sobeck sich der Frau näherte, wurden sowohl die Geräusche, die sie machte, als auch ihre Augenbewegungen immer hektischer. Er erkannte, dass sie nicht willkürlich mit ihren Augen rollte, sondern vielmehr in eine bestimmte Richtung wies, in die der der Türe.

Sobeck wirbelte herum, doch es war zu spät. Henrikson sprang hinter der Tür hervor und kickte mit einem hohen Tritt dessen Waffe aus seiner Hand. Sie flog in einem Bogen in die hinterste Ecke des Zimmers. Während er sich noch von dem Überraschungsangriff erholte, kehrte Henrikson um und rannte aus dem Hotelzimmer.

„Verdammt nochmal!“, fluchte Marc.

Er entschied sich dafür, Henrikson zu verfolgen, anstatt seine Waffe aufzuheben.

„Es tut mir leid, Lady, ich befreie Sie später!“

Er rannte aus dem Zimmer und sah gerade noch, wie Henrikson um eine Ecke verschwand. Mit großen Schritten lief Sobeck hinterher. Es stellte sich heraus, dass sich sein Kontrahent in eine Sackgasse verrannt hatte, es war ein abgeschlossener Hinterhof. Er saß in der Falle.

„Das ist das Ende, Henrikson!“, rief er.

„Du kannst dich nicht mehr verstecken!“

„Na schön! Komm‘ her und wir tragen es aus wie richtige Männer!“

Während sich Marc dem Waffenhändler näherte, sagte er:

„Ich muss zugeben, dass du ziemlich gut in Kämpfen bist. Bisher haben mich nur wenige überrumpeln können.“

Plötzlich erblickte er im äußersten Blickwinkel eine in seltsamen weißen Kleidern gewandete Gestalt. Einen Moment lang war er so sehr abgelenkt, dass er nicht bemerkte, dass er nur noch zwei Armlängen entfernt von Henrikson stand; der nutzte sogleich die Gelegenheit, holte aus, und schlug ihm mitten ins Gesicht. Sofort schrie Sobeck schmerzerfüllt auf.

„Scheiße! Musstest du so fest zuschlagen?“

„Äh, eigentlich solltest du laut Drehbuch was anderes sagen“, sagte Henrikson, und wenig später bemerkte er: „Du blutest ja.“

„Das versuche ich dir doch zu sagen!“

„Schnitt!“, unterbrach die Stimme des Regisseurs aus dem Hintergrund. Sofort kamen Leute herbeigerannt und brachten Papiertücher.

„Es tut mir leid, dass ich das nicht gemerkt habe, Johnny“, sagte der Mann, der die Rolle Henriksons spielte, „aber wir sind doch den gesamten Ablauf fünfmal durchgegangen.“

„Schon gut“, meinte Johnny. „Ich hab‘ nicht aufgepasst.“

Mittlerweile war der Regisseur von seinem Hochsitz herabgestiegen und kam auf die beiden Schauspieler zu.

„Was zum Henker war denn das?“, fragte er.

„Es tut mir leid“

Johnny, hielt noch immer seine Nase.

„Ich habe es vermasselt.“

„Und wie ist es dazu gekommen, wenn ich fragen darf?“

„Ich wurde abgelenkt“, entschuldigte sich Johnny.

„Abgelenkt? Wodurch denn?“

„Durch einen Mann.“

„Durch einen Mann? Falls du es noch nicht bemerkt hast, hier sind Duzende von Männer“, erwiderte der Regisseur, woraufhin Johnny ihm einen Blick zuwarf, der hätte töten können.

„Nun gut, ich glaube, es bringt jetzt nichts, noch weiter darüber zu diskutieren. Bist du in Ordnung? Kannst du weitermachen?“

„Ja, ich glaube schon“, antwortete Johnny.

„Es tut nur höllisch weh. Gib‘ mir noch ein paar Minuten und lass mich eine Schmerztablette nehmen.“

„Okay, Leute, eine halbe Stunde Pause!“, rief der Regisseur dem Stab zu.

Johnny Lucas drehte sich um und kehrte zu seinem Wohnwagen zurück. In einem gewissen Sinne fühlte er sich genau wie Marc Sobeck. Er hatte es satt, die Rolle des Action-Helden zu spielen. Er wollte stattdessen etwas Neues ausprobieren, vielleicht in einer Komödie oder einem Drama. Aber der Regisseur hatte ihn doch noch dazu überredet, ein letztes Mal die Rolle des Marc Sobeck zu übernehmen.

Als er an seinem Wohnwagen ankam, sah er den weiß gekleideten Mann wieder. Er lag richtig, der Mann, der ihn abgelenkt und zu dem kleinen Unfall geführt hat, war niemand geringeres als Aaron, Gott des Donners, einer der achtzehn ältesten Götter und der Beschützer der Erde.

„Beeindruckende Vorstellung“, bemerkte Aaron. Seine Stimme klang ruhig wie immer.

„Falls ich an diesem kleinen Unfall eben Schuld war, tut es mir leid. Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes.“

„Schon okay“, sagte Johnny.

„Ich hatte schon ganz andere Verletzungen. Also, wie komme ich zu der Ehre eures Besuches? Seid ihr jetzt nicht einer der ältesten Götter?“

„Ich muss dir leider eine schlechte Nachricht überbringen. Es kommt ein Krieg auf uns zu.“

Johnny brummte.

„Namor versucht es wieder? Was machen denn deine Leute? Ihr solltet uns doch vor so etwas bewahren! Aber es sieht so aus, als müssten wir wieder mal selbst ran.“

Aaron lächelte, aber seine Augen schauten traurig. Das machte Johnny zu schaffen, wenn sogar ein Gott anfing, Gefühle zu zeigen, war definitiv etwas nicht in Ordnung.

„Dieses Mal ist es etwas anderes“, versicherte Aaron.

„Der Krieg ist diesmal unausweichlich. Er wurde bereits vor Äonen vorhergesagt. Es wird um Himmel und Erde gerungen werden. Und eine Niederlage würde das Ende aller Dinge bedeuten.“

Er gab Johnny ein Stück Papier.

„Komm‘ an diesen Ort, in drei Tagen. Uns bleibt nicht viel Zeit.“

„Und was wird jetzt aus meinem Film?“, fragte Johnny und warf einen Blick auf das Stück Papier. Es waren Zahlen darauf gekritzelt. Als er wieder aufsah, war Aaron fort, er hatte sich, in Luft auflöst, so wie er es immer tat. Er kam und ging, wie es ihm beliebte.

„Na toll“, murmelte Johnny. Er sah noch einmal auf das Papier. Es handelte sich nicht nur um Zahlen, sondern Koordinaten, und sie kamen ihm seltsam bekannt vor. Dann erinnerte er sich, das war der Ort, von wo aus das Schiff losfuhr, als er und die anderen zu der Insel übersetzten, auf der das erste Kampfturnier abgehalten worden war. Johnny Lucas bekam ein schlechtes Gefühl in der Magengegend.

„Ich schätze, so toll ist der Film auch wieder nicht“, redete Johnny mit sich selbst.

„Es wird wohl wieder Zeit für ein wenig echte Action.“

Er ging in seinen Wohnwagen, packte schnell ein paar Sachen zusammen und verließ den Drehort, ohne jemandem auch nur ein Wort zu sagen.

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