Roman Reischl Blog

Roman Reischl (Autor)

Krimilesung INTERREGIONAL

KRIMILESUNG 2017

Ein Einblick in die Regionalkrimis von Roman Reischl INTERREGIONAL Band 1 und 2, erhältlich nur über Amazon!

Der etwas sehr extravagante Ermittler Robert Jewski, ein gebürtiger Reichenhaller mit ganz normalen Wurzeln in Ostpreußen und Niederbayern ermittelt schon seit einiger Zeit für die Kripo Traunstein.

Zusammen mit der bildhübschen Kollegin Anke Seeland löst der kaffeesüchtige Querdenker die Fälle meist auf eine eigene Art und Weise, da er ein ganz besonderes Talent hat, von dem man augenscheinlich nichts mitbekommt.

Vom eiskalten Inzell bis hin zur alten Saline in Bad Reichenhall bleibt dem Leser aber auch gar kein Örtchen im Chiemgau bis ins Berchtesgadener Land erspart, denn jeder hat seinen persönlich zugeschnittenen Mord oder gar zwei davon.

Umso spezieller müssen die Ermittler ans Werk gehen, denn die hiesige Mentalität ist nicht immer die am Leichtesten zu Verstehende, wenn Sie wissen, was ich meine.

Jedenfalls ist es auch immer wieder interessant, was der Hobbylyriker Jewski teilweise in sein Tagebuch und Reimbuch hineinschreibt. Löst er damit etwa sogar verzwickte Aufgaben besonders effektiv oder ist er gar ein Spinner?

Es erwartet Sie im ersten Band eine Mischung aus kniffligen, modern geschriebenen Mordfällen mit einem Hauch Lyrik in Bayern´ s schönsten Gegenden.

 

Kapitel 8

Das Reinheitsgebot

In Traunstein fand wieder einmal das alljährliche Volksfest statt mit Bierzelt, kleinen Fahrgeschäften und Losbuden. Zu dieser Jahreszeit war beim Polizeichef Christian Tichone nicht nur beruflich Hochkonjunktur. Auch privat liebte er den Besuch auf dem Festplatz mit zünftiger Musik, Brezen und ganz viel Bier. Zwischen bunten Luftballons und Zuckerwatte gab es neben gebrannten Mandeln auch Stände mit Steckerlfisch und im Zelt frisch aufgeschnittenen und gesalzenen Radi. Teenager tummelten sich an der Schnapsbar und wissen sie was? Tichone störte es nicht, dass deren Ausweis so gut wie nie verlangt wurde. An solchen Tagen sollte seiner Ansicht nach jeder feiern dürfen und lustig sein.

Kommissar Jewski, Anke und Andres Ramos samt Labormitarbeitern wurden ebenfalls noch am extra für die Kripo Traunstein reservierten Biertisch erwartet. Man ist am nächsten Tag zwar etwas verkatert nach der großen Sause, aber Mord- und Totschlag macht leider deshalb keine Pause.

Ausgerechnet am letzten Wochenende, dem großen Gaudi Bandfinale meldete sich Andi Sauer vom Fundort einer Leiche. Manchmal geht es wirklich mit dem Teufel zu, denn der Tote war kein Geringerer als der Braumeister einer kleinen Privatbrauerei in der Umgebung des Chiemgaus. Noch dazu lieferte exakt diese ihren bei den Einheimischen sehr beliebten Gerstensaft namens „Edelquell“. Goldprämiertes Helles aus der Provinz für den gehobenen Bieranspruch.

„Was zum Henker, Sauer…?“, zischte Tichone ins Mobiltelefon.

„Ja, Christian, du hast schon richtig gehört. Manuel Steinmassl, Chefbrauer seit 30 Jahren oder gar mehr. Wir dachten hier in Waging gar an Selbstmord, aber…“

„Wir kommen, Andreas. Jewski ist nüchtern und kann fahren. Halt´ die Stellung und mach´ dir ein Weizen auf. Du hast meine Genehmigung, hörst du?“

Der Ermittler Sauer ließ sich nicht lange bitten und servierte seinem Team wenig später einen Fall wie aus einer Fernsehserie. Jewski exte einen doppelten Espresso nach der Schilderung seines Kollegen, Anke schüttelte nur noch entsetzt wie verwundert den Kopf.

Der Braumeister Steinmassl wurde in seinem eigenen Sudhaus eingesperrt und bei lebendigem Leib zerkocht. Der Eingang war von außen verrammelt worden und er starb quasi in einem Bierbad bei über 150 °C Grad. Den Anblick hätte man sich an jenem Sonntag sicherlich gerne noch erspart, aber so ist das nun mal bei der Mordkommission.

Anke Seeland wurde beauftragt, die Ehefrau des Opfers zu informieren. Nicht nur weil sie eine Frau ist, galt sie für solche Dinge als die sensibelste und einfühlsamste mit der richtigen Wortwahl. Ramos und die Spurensicherung taten ebenfalls gleich ihre Pflicht. Ein Mord war offensichtlich, Steinmassl hatte keine Chance. Laut Unterlagen war in der Nacht kein einziger Mitarbeiter in der Brauerei, der Chef schob eine Extraschicht. Der Mörder musste das gewusst haben.

„Mein Mann wurde seit Monaten bedroht, aber das so etwas passiert?“, sagte Steinmassl´ s Frau zu Anke, als sie die Nachricht erhielt. Zitternd und völlig erschüttert legte sie der Kommissarin Briefe vor, in denen der Brauchef massive Anschuldigungen empfangen hatte. Der Absender, wie soll es auch anders sein, anonym. Steinmassl hätte angeblich Gastronomie und Hotellerie im Landkreis systematisch bearbeitet, seine Erzeugnisse auszuschenken und zu ihm zu wechseln.

„Mein Mann tat alles für sein Geschäft“, stammelte seine Angetraute.

„Aber niemals illegal! Wir sind ein Kleinunternehmen und trotz hoher Qualität haben wir Absatzschwierigkeiten. Die Münchner Panscher machen uns mit ihrem Volumen und den Preisen zu schaffen. Nur die hiesigen schwören auf unsere Biere.“

Anke Seeland hatte sichtlich Mitleid. Sie reichte Frau Steinmassl ein Taschentuch und zog eines für sich mit aus der Packung heraus. Für solche Aktionen bewunderte und liebte Robert Jewski seine Kollegin immer, denn Anke war und ist „echt“. Trotzdem musste sie nachhaken, wo diese Post an ihren Mann herstammen könnte. Als Antwort bekam sie jedoch nur ein niedergeschlagenes Schulterzucken.

Andreas Sauer begann wenig später, jedes Wirtshaus und Hotel in der Gegend aufzusuchen, das sich in Schanklizenzverhandlungen befand. Er wollte detailliert herausfinden, mit welchen Inhabern Steinmassl offenbar wirklich gesprochen hatte. Tichone und Kommissar Robert Jewski baten indessen alle Angestellten der Brauerei zu sich zum Rapport. Glücklicherweise waren das nur zehn Leute, alle länger als fünf Jahre im Betrieb. Solch einer lebt ja vor allem von treuen Seelen. Augenscheinlich saß der Schock nach dem grausamen Tod ihres Chefs bei allen sehr tief, was aber selbstverständlich keinen Verdacht ausschließt. Wie immer ging man kategorisch jeder Spur nach.

Andres Ramos bestätigte wenig später die Fingerabdrücke aller Mitarbeiter am Tatort und allen anderen Räumlichkeiten. Natürlich. Dies machte die Sache aber alles andere als einfach. Doch etwas passte nicht ganz zu den Gegebenheiten, man darf wohl Gott sei Dank sagen. Ein weiterer Abdruck war aufgetaucht von keinem der Angestellten. Unbekannt und vielleicht ein Indiz, dass sich da jemand ganz sicher war? Selbstredend hätte er auch von einem Lieferanten oder sonstigem Besucher stammen können. Die intensiven Fahndungen waren aber eingeläutet, da in der Datenbank kein Treffer gefunden werden konnte.

Robert Jewski verdächtigte kurz vor dem Feierabend innerlich wieder jeden. Er dachte auch an Erpressung. Sein Reimbuch lag im Wohnzimmer auf der Couch. Es wartete auf ihn. Für einen Abend auf dem Südbalkon im Reichenhaller Kurviertel spielte das Wetter jedenfalls mit. Eigentlich wollte er schon längst einmal mit Anke über sein perönliches Lyrikphänomen sprechen. Ja, Robert Jewski wurde ohne es selbst zu merken ein stiller Verehrer seiner Kriminalpartnerin. Jemanden, den man vermutlich mehr als „mag“, vertraut man eben sehr viel mehr an als man vielleicht sollte?

„Wenn wir diesen Fall abgeschlossen haben, lade ich sie einmal zu einem Kurztrip nach Kroatien sein“, dachte er sich.

„Falls sie tatsächlich mitkommt, erzähle ich ihr alles. Für ein bisschen verrückt hät sie mich ohne hin. Sie ist es auf ihre Art ja auch. Wir haben alle einen Knall. Anders landest du nicht bei der Bundespolizei.“

Sie würde ihm zuhören und nicht laut loslachen, das wusste er. Seine Aufklärungsquote in Verbindung mit Anke´ s Arbeit und des Teams sprach wohl für sich. Ohne diese Konstellation wäre das natürlich auch niemals möglich gewesen, das bloggte Jewski auch einmal öffentlich, weil er wusste, dass die Kollegen deutschlandweit seine Postings mitverfolgten. Er schrieb schließlich ja auch nur Dinge, die den Tatsachen entsprachen. Man tut, was man kann.

Als er nach Hause kam, setzte er sich an seinen Lieblingsplatz, jenem der nicht am Schwarzbach lag, sondern in seiner netten Bude. Ein Ritual wiederholte sich auf´ s Neue. Der Kommissar versank schnell im Textblatt. Manchmal dachte er, dass er dabei mehr träumte als wach zu sein. Ein seltsamer Zustand, wenn die Feder glitt wie in Trance und es sich anfühlte, als wenn einem jemand einen seidenen Schleier durchs Gehirn zieht:

„Welch´ fürchterlicher Todeskampf

Schreie nach Hilfe

Nicht erhört in tiefer Nacht

Wollte er nur leben

Alles stetig verbessern

Für Frau und Kind

Doch diese ewigen

Neider und Geldhaie

Wollten ihm das Haus

Nicht gönnen und verhindern

Dass er baut

Um seines Glückes Willen

Verschwand er nun

Hat niemals Unrecht getan

Im Gegenteil.“

Jewski goss sich ein Glas Schorle ein. Sein Mund war ganz trocken. Sollte er Anke Seeland gleich anrufen. Er verschob es auf den nächsten Morgen.

Der fleißige Andi Sauer hatte alle potentiellen Vertragspartner Steinmassl´ s in spe überprüft. Alle, die mit dem Brauereibetrieb wegen Abschlüssen in Gesprächen waren, hatten in der Chefetage ein Alibi und zwar nicht nur auf dem Volksfest. Der unidentifizierte Fingerabdruck stammte ebenfalls von keinem der Befragten. Die Ehefrau des Toten bestätigte jedoch Jewski´ s lyrische Vison. Ihr Mann hatte ein Grundstück gekauft und wollte bauen. Doch wer in aller Welt missgönnte ihm das? Sauer und Anke zogen nun alle zum Verhör heran, selbst die Geschwister des Braumeisters. Lediglich dessen Halbbruder war nicht vor Ort. Vor vielen Jahren nach Hessen verzogen, wie schnell bekannt wurde. Beruflich, versteht sich. Warum auch sonst sollte man dem Chiemgau den Rücken kehren. Missgunst gibt es oftmals aber gerade innerhalb der Familie, das war dem Kripoteam in all den Jahren mit Morden auch nicht verborgen geblieben. Erbstreit gab es aber nach Aussage aller Beteiligten nie. Steinmassl wollte wie es schien mit neuer Kundschaft einfach einen Hausbau finanziell beschleunigen oder besser: möglich machen. Auf diese Informationen hin recherchierten Anke Seeland und Andi Sauer nun auch in Richtung Bauunternehmen, was ergab, dass Steinmassl mit drei Firmen in Kontakt stand, die natürlich alle mehr als interessiert waren, das Projekt durchzuführen.

Robert Jewski kam noch einmal persönlich bei der frischgebackenen Witwe vorbei, eigentlich nur, um sein Beileid zu bekunden und ihr etwas persönliches von Steinmassl aus der Brauerei zu übergeben, einige Familienfotos aus dessen Büro. Sie hatte Besuch. Ein Damenkränzchen wohl, das im Wintergarten mit Kaffee, Kuchen und Romme-Karten ihre eigene Anteilnahme bekundete. Der Kommissar schielte nur kurz hinüber und winkte fast schon schüchtern zu den Freundinnen der Trauernden. Es fiel ihm aber sofort eine klitzekleine Kleinigkeit auf. Eine der Frauen, wohlgemerkt mit sehr weiblichen Rundungen hatte ein Täschchen mit der deutlichen Aufschrift „MCM“ neben ihrem Stuhl hängen. Generell sicherlich nichts außergewöhnliches für eine gutbetuchte Hausfrau mit viel Freizeit und Tortenhunger, aber da war etwas, das Andi Sauer nach den Ermittlungen in Steinmassl´ s Office entdeckt hatte: Rechnungen von Boutiquen in der Münchner Maximilianstraße. Mit Sicherheit auch nicht sonderlich verdächtig zuerst, aber es handelte sich dabei gezielt um Artikel der besagten Marke auf dem Täschchen des hier sitzenden Vollweibs.

Der Kommissar ließ sich nichts anmerken, informierte aber seine beiden Kollegen Anke Seeland und Sauer umgehend, da er schon sich längst in seinem Kopf eine Affäre des Braumeisters mit der Busenfreundin seiner Ehefrau zusammengereimt hatte, was natürlich die ganze Geschichte in ein ganz anderes Licht rücken würde.

„Geh´ mal dahin, Robert und nimm das Kaffeegeschirr mit. Hast du den Koffer für Abdrücke dabei?“, erkundigte sich Anke am Telefon.

„Ich will die DNA und Fingerabdrücke von allen Weibern, verstehst du?“

„Logisch. Mach ich, Cheflein. Frau Steinmassl wird verstehen, dass wir wirklich alles und jeden prüfen.“

Die flotte Runde der Frauen lauter Geschäftsleute aus Traunstein gab sich sehr überrascht. Nervös wirkte keine wirklich, aber die Blicke verrieten, dass sie ein wenig „angepisst“ von Jewski´ s Vorgehen waren.

Im Labor der Kripo kam durch die Ergebnisse von Señor Ramos aber eine kleine Ernüchterung. Keine Übereinstimmung mit dem am Tatort gefundenen Fingerabdruck. Doch so leicht gab sich das Team um Seeland und Jewski nicht geschlagen. Schließlich waren alle Männer dieser Freundinnen nun ebenso mehr als verdächtig, falls Steinmassl tatsächlich  etwas mit einer von ihnen hatte und das ganze irgendwie ans Licht gekommen war. Schon wenige Stunden später trudelten sie alle in der Polizeistelle ein, um die selben Proben abzugeben wie ihre Frauen.

Andres Ramos und Jewski saßen bis spät in die Nacht im Keller der Kripo Traunstein, denn sie wollten nicht Feierabend machen, ohne Gewissheit zu haben, ob der Fall gelöst werden kann oder Sauer und Seeland am nächsten Tag zusammen mit ihnen bei Null anfangen müssen.

„Armin Aichinger!“, murmelte der Spanier und blickte ruckartig zum Kommissar.

„Ja? Hast du was, Andres? Ist das nicht der Besitzer vom Golfplatz am Chiemsee?“

„Genau der. Angeblich mit Steinmassl eng befreundet. Sie üben sogar den Sport gemeinsam aus und sind schon miteinander im Urlaub gewesen.“

„Ist es 100 %, Mann? Ist es wirklich sein Daumen am Sudhaus?“. Jewski war sehr angespannt, denn die lokale Presse wurde in den Tagen zuvor schon immer nerviger.

„Du kennst mich, wenn es nicht so wäre, würde ich nichts sagen und schon gleich gar nicht das Kind beim Namen nennen. Der Kerl hat ihn da eingesperrt und du findest jetzt heraus, warum das Schwein das gemacht hat. Wie immer halt.“

Für Sauer und Anke war es natürlich gar kein Thema, um 1 Uhr nachts noch angerufen zu werden. Beide kamen sogar persönlich wieder in ins Revier, um zusammen mit Jewski und zwei Streifen zu Aichinger´ s Villa in Seebruck zu fahren. Festgenommen wegen dringendem Tatverdacht und verdichteter Beweislage. Anke Seeland forderte den ehemaligen Sportler auf, entweder gleich auszupacken oder wirklich gute Argumente vorzubringen, warum man seine Visitenkarte so offensichtlich am Tatort gefunden hatte.

„Weil er meine Frau gefickt hat? Bestimmt nicht, das stört mich schon lange nicht mehr. Ich habe selbst etwas am Laufen. Nein, verehrte Damen…und Herren hier…dieser saubere Herr Brauchef hat mich jahrelang hintergangen und beschissen, ohne dass ich es zuerst merkte. Nicht nur mit meiner Frau. Steinmassl war eine Drecksau, verstehen sie? Ohne Rücksicht auf Verluste hat der gewirtschaftet. Der ging sogar so weit, dass er meine Existenz gefährdete. Er hat für mich angelegt, ja sie hören richtig, der machte Geschäfte mit Aktien. Seine Frau weiß das bis heute nicht. Im ganzen Club hat er Leute angeheuert und über den Tisch gezogen und dann so getan, als könne er nichts dafür für die ganzen Pleiten mit seinen „Geheimtipps“ in Sachen Aktien. Die ganze Golferriege von Salzburg bis nach München wird mir dankbar sein, dass ich ihm das gegeben habe, was er verdient hat. Er ist in seiner Plörre ersoffen. Ich weiß, was jetzt mit mir passiert aber erwarten sie bitte nicht, dass ich auch nur ein bisschen Reue zeige. Mit meiner Frau fing alles an und bei meinen Schulden hörte es auf. Ich möchte nicht in der Haut von Frau Steinmassl stecken jetzt. Vom neuen Hausbau mal abgesehen darf sie auch das Vorhandene verkaufen, weil sie in eine Sozialwohnung ziehen kann dank ihrem Herrn Bierbrauer. Hätte er ordentlich und bodenständig gewirtschaftet und nicht uns alle mit in seinen Strudel gezogen, wäre alles anders. Wir sind ruiniert und haben diesem Penner vertraut. Das war´ s. Jetzt lesen sie mir meine Rechte vor bitte, damit ich mich hinlegen kann.“

Anke Seeland und Jewski schlugen die Akten zu und öffneten dem Mörder die Türe aus dem Verhörzimmer in den Gang zu den Beamten. Das Duo blickte sich an und beide wussten, dass diese Welt einfach so ist.

„Kaffee, Robert? Bei mir? Es wird hell.“

„Gerne, Anke. Hunger habe ich auch. Tichone wird uns frei geben heute.“

„Das darf er auch. Er war oft genug im Bierzelt, der kann nachher die formellen Sachen erledigen.“

Andi Sauer fuhr ebenfalls geschafft und müde zurück ins Berchtesgadener Land. Am Höglwörther See hielt er mit seinem alten Roller, der „Red Lady“ kurz an, denn die Sonne ging gerade auf. Er probierte die Digitalkamera aus, die er vor der Festwoche von seinen Freunden zum Geburtstag geschenkt bekam. Das Wasser spiegelte das alte Kloster an diesem traumhaften Morgen. Es war still. Doch die Bluttaten schweigen nie. Auch nicht in dieser oberbayerischen Idylle.

 

Kapitel 10

Die schwarze Madonna von Altötting

Ingrid Bachmann war schon seit drei Jahren in Rente, bevor sie sich in ihrem Heimatstädtchen Altötting ehrenamtlich um etwas ganz Besonderes kümmerte. Das Heiligtum dieses Ortes schlechthin. Jeden Tag schloss sie früh morgens den kleinen Saal der schwarzen Madonna auf und reinigte die Räume der Kapelle, bevor die ersten Pilger und Touristen auftauchten. Hunderte Menschen, Katholiken aus der ganzen Welt kamen von jeher hierher, um zu beten und innezuhalten. Die gesamte Altstadt glich einem Zentrum des Glaubens. Ein so frommer Ort und dennoch nicht verschont von schlechten Taten. Doch was die gutherzige Ingrid an jenem Montagmorgen beim Betreten ihrer Arbeitsstelle vorfand, war schier unglaublich, ja entsetzlich. Eine Entweihung und Gräueltat ohne Gleichen. Die schon ältere Dame musste zuerst psychologisch betreut werden, um überhaupt ein Wort gegenüber der Polizei herauszubringen.

Gottseidank ist Andi Sauer schon immer geduldig gewesen. Der Ruhepol der Kripo Traunstein erfuhr folgendes: Beim Betreten der heiligen Kapelle erblickte die rüstige Rentnerin das Ergebnis eines schweren Verbrechens. Eine weibliche Leiche, etwa Mitte 20 lag mit mehreren Messerstichen getötet an der Türschwelle zum Schrein der Madonnenfigur. Es kam aber noch makaberer. In ihre Hand wurde eine Ansichtskarte mit dem weltberühmten „Tod von Altötting“ gelegt. Gleich in der Kirche nebenan dreht sich seit vielen, vielen Jahren das Original, ein Skelett mit einer Sense in der Hand. Dieses Miniaturgerippe bewegt sich zu allem Überfluss auch noch.

Ramos und Inspektor Sauer fotografierten selbstverständlich den schaurigen Fund und dachten bereits an ein sehr krankes Gehirn, das das hier veranstaltet hat. Womöglich ein Ritualmord, denn die Umgebung und die „Mitgift“ des Täters waren ja mehr als bizarr. Hoffentlich würden die Jungs nicht wieder mit München zusammenarbeiten müssen auf Grund dieser Brisanz.

Anke Seeland kam selbst nur kurz an den Tatort, um die vorhandene Überwachungskamera von dort mit nach Traunstein zu nehmen und siehe da: Die unfassbare Tat in der prunkvollen Mariengrotte war auf Band samt einem wie im Blutrausch agierenden Mörder. Das wesentliche Problem: Die unheimliche, fast dürre, männliche Gestalt trug eine Kutte und Maske. Kein einziges Detail seines Körpers war sichtbar bis auf dessen magere Statur.

Das prüde Altötting stand unter Schock. Neben dem Oberbürgermeister wandte sich auch der Stadtpfarrer an die Menschen im Ort und in der Umgebung. Sein Status glich fast dem eines Bischofs, kaum verwunderlich, wenn man diese Stadt kennen gelernt hat.

Eine Stellungnahme vor der Presse gaben Polizeichef Tichone und Robert Jewski gemeinsam auf einer eigens dafür organisierten Konferenz ab. Der Kommissar gab Details bekannt, um wen es sich bei der Toten handelt und schilderte, in welche Richtungen bereits ermittelt wird. Ehrlich gesagt stand das Team an einem Punkt, den man NULL nennt, denn das Opfer, eine Praktikantin aus Deggendorf hatte mit ihren 22 Jahren wohl nicht ernsthaft Feinde.

Jewski selbst war wegen etwas anderem noch viel angespannter als durch den Fund dieser Leiche. Anke hatte seinen Brief mit Sicherheit schon empfangen. Er konnte ihr aus dem Weg gehen wegen ihrer Arbeit am Videomaterial, aber wie lange noch? Warum überhaupt? Schließlich wollte er ihr ja sein Interesse endlich verdeutlichen. Als er nach Hause kam, stürzte er sich ins Internet in seinen Lyrikblog, um in seiner Welt zu verweilen, wenn auch nur für ein paar Stunden.

„Den Medien kredenzt

Eine Maske, kein Gesicht

Unsichtbarer Irrer

Geschlachtete Frau

In einer Umgebung

Des Nachdenkens und

In sich Gehens

Rache ist süß

Verschmähter Geselle

Ohne Herkunft.“

Der Mond schien abermals hell. Jewski konnte nicht aufhören, an Anke zu denken. Eine ganz normale Frau verzaubert den Mann, nicht eine Puppe, die sich nach Geld und Wohlstand sehnt. Es gibt nichts Schöneres für einen Menschen, genauso akzeptiert zu werden wie man ist, ohne Angaben zu seinem Gehalt und der Profession machen zu müssen. Es sind die Menschen, die wirkliche leben, die sich näher kommen sollten, Viel zu oft sind genau diese zu einsam, das es für den Ottonormalverbraucher nicht einfach ist, einen  Quertreiber ins Leben zu lassen. Das System möchte das nicht, wobei es eine Bereicherung wäre.

Die Tote hieß Christine Reimann und war nach Sauer´ s ersten Recherchen während der Semesterferien in Altötting, um in einem kleinen Marketing Office in den Beruf hineinzuschnuppern. Ihr Studium absolvierte sie an der UNI Augsburg. Journalismus und Medienrecht. Deshalb wurden selbstverständlich die schwäbischen Kollegen eingeschaltet, die neben der Durchsuchung ihres Spindes an der Hochschule auch die Befragungen dort in die Hand nahm. Die Mutter des Mädchens, wohnhaft in Untermeitingen in der Nähe der Fuggerstadt stand unter Schock und konnte in den ersten beiden Tagen nach der Nachricht von der Ermordung ihres einzigen Kindes nichts aussagen. Der Vater des Opfers war bereits vor vielen Jahren verstorben.

„Beliebt und aufgeschlossen“ beschrieben ihre Mitstudierenden Christine Reimann, von einem Freund oder Affären wussten sie angeblich nichts. Jewski und Anke Seeland suchten auf Grund des bizarren Fotos in ihrer Hand aber ohnehin in der bayerischen Pilgerstadt das Motiv und den Mörder. Durch die Zeile „verschmähter Geselle“ in Robert´ s Notiz, die wieder einmal komplett verschwunden war glaubte der Kommissar, dass Reimann in Altötting wohl jemanden kennen gelernt hat. In der Agentur ihres Praktikums jedoch arbeiten ausnahmslos Frauen. Diese fünf Kolleginnen hatten sie auch niemals in Begleitung im Ort gesehen, aber die Chefin gab an, dass Christine schon seit geraumer Zeit etwas abwesend wirkte. Seltsam kam ihr auch vor, dass die junge Frau einen Vorschuss verlangte.

„Ich habe nicht weiter nachgefragt, wofür. So ein hübsches Mädchen geht eben gerne mal aus oder kauft sich schicke Klamotten. Ich habe das verstanden und es ihr gegeben, da sie fleißig war und grundsätzlich immer pünktlich. Bis die Tage war sie auch gewissenhaft. Ihre verträumte Art zum Ende hin, naja, vielleicht ist sie verliebt, dachte ich…“

Somit fuhr Anke mit einem Foto der Kleinen in alle Clubs und Bars in der Gegend. Vielleicht wurde sie in der ein oder anderen Location gesehen, womöglich sogar regelmäßig. Andi Sauer und Jewski befragten indessen alle Geschäftsinhaber rund um die Kapelle der schwarzen Madonna. Weiterhin wurden auch deren Überwachungskameras sichergestellt. Señor Ramos in seinem Labor würde sich das Material aufmerksam anschauen, denn so ein Maskenmann kann auch eine Stunde vor oder nach dem Mord in natura aufgenommen worden sein. Mit unvorsichtigen Tätern hatte man es ja auch nicht seit gestern erst zu tun.

Die liebe Frau Seeland machte nicht den Anschein, als wenn sie Jewski´ s Brief gelesen hatte, aber da die beiden bei diesem Fall in getrennten Bereichen ermittelten, bekamen sie sich auch nur immer nur kurz am frühen Morgen bei der Kripo zu sehen. Polizeichef und Hauptkommissar Tichone wollte wieder einmal schnellstmöglich Ergebnisse aus allen Richtungen, da ihm die Haie zahlreicher Schmierblätter im Nacken saßen. Aus Augsburg kam leider nicht sehr viel hilfreiches, außer dass Christine Reimann in Bezug auf das männliche Geschlecht laut ihrer Mutter eher schüchternd und zurückhaltend gewesen sei.

Es war bereits Mitte der Woche. Andreas Sauer ließ es sich an solchen Tagen nicht nehmen, mit seinem alten Roller, der „Red Lady“ zur Arbeit zu fahren. Nicht nur, dass er es gewohnt war, für die ganze Belegschaft in der Früh den Kaffee aufzusetzen….er wollte an diesem Tag unbedingt der erste im Büro sein. Der fleißige Ermittler hatte in der Nacht im Internet gegraben und sich auch ins Netzwerk der Kripo eingeloggt. Das Ergebnis seiner berechtigten Neugier: Vor genau dreißig Jahren wurde schon einmal eine tote Frau mit einem Foto des „Todes“ in der Hand in der Nähe der schwarzen Madonna gefunden, allerdings nicht in der Kapelle, sondern vor dem Eingang, dem wunderschönen und ehrwürdigen Portal. Jewski hielt sich ja durch seine Lyrik an einen eifersüchtigen Mann als möglichen Täter, wobei Sauer nun gewissermaßen an einen Ritualmord dachte. Das Ganze wollte er dem Team zum Frühstück servieren nebst dem Kaffee. Es wurde auch damals niemand verhaftet oder ausfindig gemacht. Der Mord von 1995 blieb unaufgeklärt. Komisch aber, dass die Presse und auch Tichone nicht davon gesprochen haben.

„Kann es sein, dass ich der Einzige bin, der auch mal in den Geschichtsbüchern der Polizei blättert, wenn ein Mord so offensichtlich merkwürdiger Natur ist?“

, fragte er sich.

„Schließlich will dieser Irre ja auf etwas hinweisen. Nicht nur, dass er des Wahnsinns ist, sondern seine kranke Phantasie auch wie auf einem Silberteller uns allen präsentiert.“

Andi Sauer ließ die versammelte Mannschaft an den Ergebnissen seiner nächtlichen Untersuchungen teilhaben. Madame Seeland zwinkerte ihm zu, wie so oft. Nicht, weil sie in den kleinen Schnüffler etwa verliebt gewesen wäre, es herrschte einfach eine tiefe Sympathie zwischen den beiden. Anke scherzte sogar manchmal, Jewski sollte einmal ein Gedicht über Sauer´ s kultigen Roller namens „Red Lady“ verfassen.

„Kommt noch“, kommentierte der Poetenkommissar dann nüchtern.

Wie dem auch sei, auch Christian Tichone fand Sauer´ s Ansprache interessant und forderte, den Fall aus dem vorletzten Jahrzehnt gleichzeitig mit aufzurollen. Ramos und Anlke sollten sogar direkt an der Skulptur vom „Tod von Altötting“ Fingerabdrücke nehmen.

„Wenn da einer dabei ist, der nicht vom Hausmeister oder Pfaffen ist, geht´ s hier rund, alles klar? Wenn Sauer sagt, dass da ein verdammter Spinner am Werk sein könnte, dann ist das bestimmt nicht allzu abwegig. Passt eh ganz gut zu unserer katholischen Kirche.“

Tichone räusperte sich, Jewski lachte und Andi Sauer wirkte ein klein wenig stolz.

Doch auch Robert Jewski stieß in den darauf folgenden Tagen auf etwas sehr Interessantes: Beim Durchstöbern der Herkunftsdaten aller UNI Absolventen in Augsburg fand er heraus, dass einer der Dozenten, Herbert Maier, aus Altötting stammte. Nein, das ist natürlich nicht gleich ein Grund für einen Verdacht, aber ausgerechnet dieser Pädagoge unterrichte in den Vorlesungen die Historie des Schreibens. Allein das machte den Kommissar neugierig, schließlich ist das Verfassen von Literatur seine nicht mehr ganz heimliche Liebe. Er funkte die Kollegen in der Fuggerstadt an, diesen Herrn zu interviewen und neben der Frage über die Person Christine Reimann auch so zu fungieren, an private Dinge des Professors zu kommen.

Sie taten es. Dr. Herbert Maier führte in seiner Geldbörse ein Bild von sich selbst bei der Kommunion mit. Im Hintergrund neben der Kerze: Des Knochengstell von Oiteeding! Sehr bizarr, passend zu dieser ganzen Religion um Jesus Christus. Ja, dieser Kult, der als einziger Glaube der Welt die Hinrichtung eines Menschen sich selbst zum Symbol für eine „Erlösung“ genommen hat.

„Hoffentlich ist die Welt auch bald vom Christentum erlöst“, murmelte der Atheist und Freigeist Robert Jewski.

Jedenfalls wollte er besagten Dozenten nun nicht mehr nur begutachten lassen, sondern nach Traunstein bringen lassen, aber nicht im Alleingang. Anke Seeland, Ramos, Sauer und selbstredend auch Tichone willigten dringlich in den Vorstoß des Kommissars ein. Professor Maier wurde wegen Verdachtes zum Verhör nach München geladen, weil er sowohl bei den Augsburger Polizisten seltsames Verhalten an den Tag legte als auch von Frau Seeland schon belegt zur Tatzeit bei seiner Mutter in der Pilgerstadt verweilte. Jewski freute sich diesmal förmlich, mit den Münchnern gemeinsam im Raum mit dem Tisch und den wenigen Stühlen agieren zu dürfen.

Anke stieß in Maier´ s Akte auf etwas noch Überraschendes. Der selbsternannte Literaturwissenschaftler wurde schon einmal wegen dem Besitz illegaler Drogen festgenommen worden. Crystal Meth. Nicht unbedingt wenig davon wurde in seiner Bude gefunden, denn der zweimal geschiedene Mann lebte zu allem Übel mit seinen 46 Jahren auch noch zusammen mit seinen Schülern im Studentenwohnheim. Mehr als zwielichtig.

Kommissar Jewski knallte jenen Ordner von seiner Kollegin vor den Hauptstadtermittlern und Herbert Maier auf den hässlichen Tisch im Verhörraum:

„Sind sie irgendwie nüchtern, Herr Maier? Sagen´ s das gleich, wegen ihren Rechten du so weiter“, begann er.

„Ja, ich habe aufgeräumt.“

„Aufgeräumt? Ihre Wohnung sauber gemacht? Schön.“

„Nein, das meine ich nicht. Obwohl, das natürlich auch. Ich bin akribisch sauber, wissen sie?“

„Wie?“. Jewski rümpfte die Nase. „Frei von irgendeiner Schuld oder wie meinen sie das?“

„Nunja, wie mein Papa.“ Professor Maier schien wie erwartet nicht ganz Herr seiner Sinne zu sein.

„Mein Papa hat auch schon aufgeräumt mit diesen Frevlern. Die heilige Madonna ist nicht für diese Leute bestimmt, wissen sie? Sie verdient mehr Respekt. Christine hat ihr den nicht entgegengebracht, verstehen sie?“

Jewski schnalzte mit der Zunge und packte den Kerl am Hals:

„Wie bitte? Gestehen sie hier einen Mord, Herr Maier? Und decken einen zweiten auch gleich noch mit auf?“

„Sehr genehm, Kommissar.“

Dr. Maier war augenscheinlich in einer anderen Welt zu diesem Zeitpunkt, seine Augen funkelten, die Pupille war erweitert und Robert Jewski merkte das sofort. Wenn nicht jetzt, wann dann? Der Dozent würde in seinem Delirium vielleicht mehr preisgeben, als sich alle in diesem Raum und hinter der Fensterscheibe je erhofft hatten. Auch Christian Tichone stand zunächst Regungslos im Nebenraum, von dem aus man alles mithören und sehen konnte.

„Haben sie in ihrem Wahn eine Frau ermordet, Herr Maier?“, fragte Jewski nahezu regungslos.

„Ich habe gelöscht, ja. Christine.“

Die Bullen aus München zogen ihre Hüften stramm. Hier bahnte sich etwas an.

„Das Mädchen aus meinem Kurs da, das hat mehrmals schlecht geredet.“

„Schlecht geredet?“, fuhr Jewski los. „Geht´ s noch?“

„Nein, Herr Kommissar, verstehen sie mich nicht falsch…“

„Gar nicht würd´ ich sagen, Maier. Los, erzählen sie, was sie gemacht haben. Ich habe jetzt schon keinen Bock mehr auf sie.“

„Wie sie die schwarze Erlöserin angesehen hat, wissen sie? Das ist nicht gläubig. Das ist eine Schande. Ich bin ihr auf dem Campus nachgegangen. Sie hat auch mal Zeug von mir verlangt.“

„Crystal?“, bohrte der Kommissar weiter.

„Ja, mein Medikament zur Säuberung des Hauses.“

„Der spinnt komplett“, rief Jewski jetzt zu seinen Beamten von der Isar.“

Dr. Maier wurden daraufhin Handschellen angelegt. Er gestand, Christine Reimann „gesäubert“ zu haben, indem er ihr in einem für viele Menschen heiligen Raum die Kehle durchschnitt. In seinem Drogenrausch und die extremem Ansichten, die ihm schon von seinem Vater vermittelt wurden, wurde er zu einem der bizarrsten Täter, die Robert Jewski und Anke Seeland jemals untergekommen waren. Er verriet auf Crystal Meth sogar Details aus dem ungeklärten Mord von 1995, den sein Vater begangen hatte und ebenfalls als „Aufräumen mit Ungläubigen“ angesehen hatte. Christine Reimann äußerte sich in einem sozialen Netzwerk öffentlich gegen die Kirche und betrat daraufhin aus kulturellem Interesse den Raum der Madonnenfigur im Ort ihres Praktikums. Das konnte der völlig weggeblasene Botschafter Altötting in der Fuggerstadt offensichtlich nicht auf sich sitzen lassen. Nicht nur das Gedankengut seines Erzeugers, der schon verstorben war reizten seine Berufung, der Stoff aus der tschechischen Republik gab seinem „frommen“ Gehirn den Rest.

Wichtig war in diesem Fall, dass sich alle Verantwortlichen in diesem Örtchen, neben dem Stadtrat auch die Geistlichen ausdrücklich distanzierten von diesem abscheulichen Verbrechen im Wahn. Christian Tichone und Sauer winkten Jewski durch den Gang in der Schwabinger Polizeizentrale. Der Kommissar lächelte, weil er Anke neben den Pressesprechern erblickte. Er vergaß seine Schüchternheit für einen kurzen Moment und flüsterste ihr zu:

„Hast du meinen Brief bekommen?“

„Ja, Robert.“

„Ich weiß nicht, was ich jetzt sagen oder fragen soll, Anke.“

„Ich schon.“ Anke grinste. Wenn Frauen nicht genervt sind nach so etwas, ist das immer ein gutes Zeichen.

„Frag´ mich doch mal, ob ich vorbei kommen soll auf ein Glas Wein. Ich weiß, dass du ein Doppelzimmer am Marienplatz hast.“

„Hab ich. Und meine Bücher sind alle zu Hause. 24 Stunden Roomservice. Blick auf die Maximilianstraße.“

„Ich bin sauber, aber das weißt du ja. Nicht nur wegen der Dusche.“, antwortete Anke.

Kontern können Frauen ja immer gut, aber Frau Seeland beherrschte es wie keine andere. Während Andi Sauer, Tichone und die aus Traunstein mitgeschleifte Streife zurück ins Chiemgau fuhren, gingen im Hotel Vier Jahreszeiten langsam die Lichter aus. Aber nur im Zimmer vom Kommissar Robert Jewski. Lediglich auf dem Balkon brannte noch ein Teelicht. Glücklicherweise funktionierte die Durchwahl zum Kellner tadellos. Der musste nämlich neben den Getränken auch noch Bademäntel ätherische Öle und einen Nachschub an Kerzen in den vierten Stock bringen.

Eines an diesem Abend störte den Kommissar aber noch ein wenig. Seine Lyrik. Verschmähte Liebe? War damit vielleicht die Liebe zum Herrgott gemeint? Oder war er gar verwirrt, da er selbst in einer anderen Sphäre schwebte?

Nichtsdestotrotz hatte er diesen Fall gelöst und einen heiligen Ort damit in eine Krise gestürzt, was will man auch mehr in diesem Oberbayern? Ein richtiger Mann schweigt jetzt und genießt, ganz besonders in dieser Begleitung.

„Ich werde bald mal was über die „Red Lady“ schreiben, Anke.“

„Das ist so schön harmlos.“

„Ist gut“, flüsterte seine liebe Kollegin und legte ihm den Finger auf den Mund.

Es war die Zeit angebrochen ohne Reimbuch, Ermittlungen und jeglicher Vernunft.

 

 

Band 2- Österreichische Mordfälle

Tote in Salzburg´ s berühmter Getreidegasse, auf den hohen Tauern oder im Linzer Industriegebiet? Auch der traumhafte Wolfgangsee und der Wiener Prater nleiben hier nicht verschont.

Das sind Fälle für den Kripobeamten Albert Bergmayr, auch gerne mal von seinen Kollegen kurz „Al“ genannt.

Zusammen mit dem aus Wien stammenden, extrem übergewichtigen Privatdetektiv Richard Bauernfeind und der Kärntnerin Elisabeth „Lieserl“ Koch versucht jener, die Fälle im österreichischen Salzkammergut aufzuklären.

Seine adrette Kollegin spricht im Salzburger Präsidium nur zu gerne von der Schönheit ihrer Villacher Heimat und der mit reichlich „Schmäh“ versehene Schnüffler aus Wien nimmt nicht gerne jeden Fall von Albert an, weil er sich immer wieder verzettelt und bei den Frauen in Fettnäpfchen tritt. Eine Partnerin ist für Bauernfeind wohl nur möglich, wenn er endlich seine angekündigte Diät durchziehen würde.

Freuen Sie Sich auf nicht minder spektakuläre Fälle als im bayerischen Band und erfahren Sie, wie es in der Heimat teilweise drunter und drüber gehen kann. Nicht nur mit Morden, sondern auch deren Bearbeitung.

 

 

Das Salzburger Präsidium

„Hast leicht scho´ Arbeit, oder?“,

fragt Albert Bergmayr seine Kollegin Lieserl Koch immer wieder, wenn gerade kein Mord passiert ist im Salzburger Land. Im Büro im Nonntal fallen dann meistens ungeliebte Schreibarbeiten an. Die aus Kärnten stammende Jungkommissarin Koch bewältigt dies generell mit femininem Schwung, während Hauptkommissar „Al“, knapp 40 Jahre alt, oftmals überfordert die Hände vor dem Gesicht zusammenschlägt. Akten wälzen ist eben gar nicht so Seins.

Dennoch sind die beiden das beste Team in ganz Österreich. Das wurde durch die extrem hohe Aufklärungsquote sogar schon von ganz oben bestätigt. Das Geheimnis dahinter ist nicht allzu schwer zu erklären. Der fidele Albert arbeitet schon jahrelang mit dem gewieften Wiener Schnüffler Richard Bauernfeind zusammen, Inhaber seiner eigenen Privatdetektei. Der Kommissar aus Salzburg, der als Streifenpolizist bei der Polizei seine Laufbahn begann, war der Einzige, der der den übergewichtigen Detektiv aus der Hauptstadt „zweitgrößtes Säugetier der Erde“ nennen durfte, ohne gleich eine geschmiert zu bekommen. Manchmal an freien Tagen machten die Männer des Dezernats sogar zusammen Ausflüge zum Wandern in die Loferer Alpen. Auch wenn Herr Bauernfeind körperlich nicht jede Tour schaffte, bis zu den ersten markierten Kiefern am Waldrand an den Hängen schaffte er es dann doch. Ein Bankerl zur Pause oder gar dem Ende der Bergtour stand ja in fast jeder Serpentine der Wege.

Wiener Schmäh, Salzburger Nockerln und eine süße junge Ermittlerin an der Seite der Mannsbilder: Die Speisekarte im Präsidium war bunt wie das Leben, wahrscheinlich genau deshalb funktioniert die Combo so gut.

Wenn dem Herrn Bergmayr die Kriminalfälle mal etwas zu Kopf stiegen und er sich zu sehr mit selbigen befasste, brach er immer ein wenig aus. Entweder am Abend mit dem Motorrad zum bunten Lichtermeer des Flughafens Amadeus Mozart oder gleich nach Franken in Bayern zu seiner lieben Großtante.

„Bring´  doch mal deine Elisabeth mit, Bua!“,

forderte ihn diese öfter auf.

„Das ist nicht „meine“, Tante Anni. Wir sind nur Kollegen“,

kam dann meistens etwas genervt von Albert.

Das Lieserl war schließlich mehr als zehn Jahre jünger als der Chefermittler.

„Ich kann kochen, ich brauche keine Frau“,

scherzte der Kommissar gerne.

In Wirklichkeit fühlte sich der überall geschätzte Bergmayr aber schon öfter einsam. Heimlich versuchte er es sogar manchmal über das Internet jemanden kennen zu lernen. Bisher ohne durchschlagenden Erfolg.

Richard Bauernfeind, dem Privatdetektiv mit massivem Übergewicht ging es da nicht recht viel anders. Die heutige schnelllebige Zeit ist eben so. Du kannst erfolgreich sein, das heißt aber noch lange nicht, dass das die Damenwelt mit einbezieht.

Direkt an der Salzach gelegen, unweit der Kneipenpromenade war das Präsidium der Kripo Salzburger Land gut eingerichtet. Das ist auch wichtig, denn kriminelle Taten und Machenschaften häufen sich auch hier. Bisweilen mussten Bergmayr und Elisabeth Koch auch im Umland vertreten sein. Salzburg ist schließlich ein Bundesland und nicht nur eine von Touristen überflutete Altstadt mit Festspielen und Events der klassischen Musik. Drogen, Gewalt und auch Schutzgelderpressung machen nicht Halt vor einer historischen Idylle wie dieser.

Warum der Kommissar mit dem zwirbligen Pilzkopf – Haarschnitt einen Schnüffler wie Bauernfeind aus Wien heranzog, war offensichtlich klar. Der Dicke durchforschte das Leben der Verdächtigen bis auf den Gang zur Toilette. Mit allen Wassern gewaschen und ausgerüstet mit Minikameras und allem was zur völligen Überwachung dazu gehört, ging er vor. Man könnte meinen, der Vollprofi hätte eine NSA – Ausbildung genossen.

Bergmayr und Richard Bauernfeind telefonierten nahezu täglich. Dann ging es aber nicht nur um zu bearbeitende Fälle und Akten, sonder häufig darum:

„Ich muss dich engagieren, Richie. Bist du in der Gegend? Wir kommen so nicht weiter, Lieserl und ich. Übrigens, hast du das Formel 1 Rennen gestern geschaut? Heftig bei dem Regen, oder?“

Die Antwort des Wiener Urgesteins lautete stets:

„Klar, gutes Geld und ein Schnitzel mit dir am Mirabellplatz! Plus a paar Seiterl, gell?“

Elisabeth Koch dagegen ging lieber spazieren, wenn ihr irgendetwas zu viel wurde. Sehr gerne marschierte sie zum alten Steintheater, einem absoluten Geheimtipp der Ruhe, oder einfach auf den guten alten Mönchsberg. Die Aussicht über die Dächer und Kuppeln der Stadt ist sowieso grandios und es schien oft, als würde die Sonne dort niemals so richtig untergehen.

Die Kommissarin, aus Villach in Kärnten stammend, spricht fließend italienisch, da ihre Mutter aus der Südtiroler Region um den Kalterer See stammte und dem Mädchen trotz des Deutschen in Norditalien die Sprache glücklicherweise beibrachte.

Braune lange Haare und dunkle Augen mit einem gewissen treuen Dackelblick rundeten ihr Profil ab.

Im Kommissariat des Nonntals waren aber mehrere Personen beschäftigt, die Albert Bergmayr die Sicherheit gaben, damit Morde und Vergehen nicht ungestraft blieben:

Der aufgeweckte Naturbursch Hannes, Radlfahrer aus Leidenschaft mit Uniform und Helm und ja nicht zu vergessen – Laborant Gerhard Brunner, genannt Burschi, weil er sich mit Mitte vierzig immer noch kleidete wie ein Jugendlicher. Mehrmals im Jahr wechselte der dann seinen Style, zum Vergnügen der Beamtenkollegen im gesamten Haus.

Nichtsdestotrotz konnten die Kommissare auf diese Leute zählen, in jeder Hinsicht.

Albert, der sich auch als Chef der Truppe sah, war eines Morgens so schlecht gelaunt, dass ihn sogar die kleinen Marotten seiner ganzen Kollegen nervten. Wenn es soweit war wie diesmal, sah er sich auf seinem Smartphone mit Kopfhörern immer YouTube ASMR Entspannungsvideos an. Auf Englisch wohlgemerkt. Auf Grund von zwei längeren Auslandaufenthalten als 25 – jähriger in Frankreich und Schottland war der gute Al mehrsprachig, was ihm auch im Berufsleben zu Gute kam. Im Privatleben, beispielsweise in seinen vielen Griechenlandurlauben natürlich auch. Bergmayr liebt Kreta und Santorini mit seinen schneeweißen Häusern und hellblauen Dächern.

Lieserl Koch hingegen begnügte sich jedes Jahr mit Camping am Milstätter See. Ihre Eltern hatten dort seit ihrer Kindheit einen Wohnwagen mit festem Stellplatz angemietet.

Im Büro der Kripo in Salzburg kamen jedenfalls alljährlich die üblichen Postkarten an. Außer von „Burschi“ Gerhard, der flutete das eMail Postfach in seiner Freizeit mit Aufnahmen seiner Kellerband mit belanglosen Kleinauftritten in der Punkszene.

Wie dem auch sei, Salzburg ist nicht nur ein Magnet für Urlauber, sondern eben auch ein Ballungsraum. Das Unwesen boomt wie gesagt wie überall andernorts.

Streifenpolizist Hannes kam des Öfteren ganz aufgeregt zu seinen Kommissaren. Im Regelfall war er durch den Polizeifunk einer der Ersten, die von neuen Vorkommnissen Kenntnis hatten. Die Straftaten im Land sind bunt gefächert:

Einheimische Eifersucht, Bahnhofsschlägereien, Tumulte unter Migranten und sogar Ehrenmorde halten sich hübsch die Waage.

„Die meisten fiesen Morde“, behauptet Kommissar Bergmayr, „passieren wegen Geld und der Liebe. Man darf Kriminalität niemals, aber auch gar nie vermehrt nur auf Ausländer abwälzen. Wir haben es meistens mit unseren eigenen Leuten zu tun, glauben sie mir.“

Der ursprünglich aus Bad Ischl stammende Albert war weitaus weltoffener, als man es den Österreichern nachsagt, die vom Lande kommen. Nicht zuletzt wegen seines Berufs wurde er zum Freigeist.

 

KAPITEL 1

Die Wasserleiche am Wolfgangsee

Es schien wie ein wunderschöner Traum für die Familie Lindemann aus Nordrhein – Westfalen. Das erste Mal in ihrem Leben hatten sie etwas gewonnen. Der dreifache Familienvater Ernst nahm am Preisausschreiben einer Eismanufaktur bei Facebook teil und erhielt durch das Teilen eines Bildchens einen zweiwöchigen Hotelaufenthalt mit SPA am Wolfgangsee im Salzkammergut. All inclusive, versteht sich. Vom Balkon aus hatte man einen sagenhaften Blick über den ganzen Ort und den See.

Das Personal in diesem gepflegten Haus war auch sehr nett und zuvorkommend. Leider sind manche Damen oftmals ein wenig zu freundlich für Herrn Lindemann senior. Er springt, obwohl er eigentlich eine gute Ehe führt, sofort auf das andere Geschlecht an, auch wenn sie nur ein bisschen niedlich sind. Meistens bleibt es bei einem „sich umdrehen und nachschauen“, doch einmal endete so ein „Blick“ auch schon im Bett. Seine Gattin fand es damals nicht heraus, weil sie zu jener Zeit auf einer Reha an der Nordsee verweilte. Die Kinder des Paares sind alle drei noch unter zehn Jahren und in der Regel mit Spielen und Geschwisterstreitigkeiten der kindlichen Art beschäftigt.

Als Frau Lindemann zu einer Rundfahrt mit besagtem Nachwuchs aufbrach, nutzte der Vater sein Argument, er fühle sich nicht sonderlich wohl zum Frühschoppen an einer Bar am Ufer des Wolfgangsees. Zwei Männer, die er aus dem Frühstücksraum des Hotels schon kannte, gesellten sich spontan und freudig hinzu. Mehrere Weizenbiere am Vormittag schlagen natürlich auch bei gestandenen Mannsbildern ordentlich an.

Der gute Ernst, durch seine sportliche Figur und blonder Mähne nicht unattraktiv erzählte von seinem Berufsleben als IT – Programmierer. Die beiden Herren, ebenso Deutsche Touristen aus dem Schwabenland bei Stuttgart waren an diesem Tag mit herrlichem Sonnenschein auch ohne ihre Gemahlinnen unterwegs. Man fühlte sich beinah wie auf einer Tour mit Kumpels am Vatertag. Auf dem See waren schon einige Segelboote auszumachen  und die ersten Kinder planschten schon im Naturfreizeitbad am Ufer. So geht wohl ein perfekter Urlaub, wenn im Salzkammergut das Wetter mitspielt.

Unser Kommissar Bergmayr lag aber dann doch lieber mit Einheimischen am benachbarten Mondsee, wenn er frei hatte. Er mied von Touristen überflutete Orte. Vielleicht rührte daher sein Faible für besonders kleine Inseln in der Ägäis, wo  man noch völlig einsame Strände vorfinden und entdecken kann.

Was die Herrschaften im Pilsbub mit norddeutschen Bier mitten in Österreich zwischen Linz und der Mozartstadt anging: Sie genossen sichtlich die Auszeit von ihrer Familie. Für die Trinkgeldkasse der vollbusigen Kellnerin keine schlechte Ausgangslage schon vor dem pulsierenden Mittagsgeschäft. Die knallroten Sonnenschirme eines Limonadenherstellers vermieden auch nun nicht mehr, dass die „Jungs“ langsam den gleichen Farbton auf der Haut ihrer Arme annahmen. So kennt man sie eben, die Teutonen im Urlaub und auf großer Reise.

Blöderweise war heute nicht so ein Tag am Wolfgangsee, an dem man sich ausruhen konnte. Action im wahrsten Sinne des Wortes war angesagt.

Die Kellnerin an den Tischen hin zum Steg schrie. Sie rief lauthals und zitternd nach dem Chef des Restaurants.

„Da ist eine Tote! Da ist jemand tot und angespült“, plärrte sie in die Menge der sitzenden Gäste.

Tatsächlich fand man eine Leiche vor, vom Wasser angeschwemmt und schon ganz böse aufgedunsen. Herbert Graf, der Besitzer des Straßencafés zögerte auch nicht lange und rief die Kripo Salzburg.

Albert Bergmayr, Lieserl Koch und einige Beamte waren innerhalb von 30 Minuten an der Promenade. Streifenpolizist Hannes, der sich gerne als Künstler mit dem Nachnamen Hochwasser betiteln ließ, kam mit seinem neuen Mountainbike. „Burschi“ Gerhard Brunner, Salzburgs prädestinierter Laborant und Mediziner für Todesfälle und Leichen rollte mit Sack und Pack, sprich seinem Koffer und dem Chemiekasten per Taxi an.

„Die Frau ist seit gestern Abend tot, etwas 22 Uhr. Ob sie alkoholisiert war zum Todeszeitpunkt, dazu muss ich sie auf meinen Tisch legen. Keine äußeren Verletzungen, was auf Gift schließen lässt, in einem Getränk etwa in der feinen Gesellschaft hier. Gebt´ s ma a bisserl Zeit, ok.“

Der Burschi war genervt. Nicht aber vom Todesfall, sondern dass er in der ihm verhassten Schicki – Micki – Szene ermitteln musste.

Der gute Al hingegen kaufte sich erstmal ein Bier. Lieserl schielte ihn an, lächelte dann aber.

Der Beamte mit dem Gedanken der Freiheit, Hannes, übernahm die üblichen Tatorttätigkeiten wie die Aufnahme der Personalie der Entdeckerin der Leiche und das weiträumige Abstecken des Fundorts, sprich dem Steg am Südufer. Die Interviews mit den Restaurantbesuchern und eventuelle Alibis übernahm Bergmayr persönlich. Durch den Todeszeitpunkt 12 Stunden vor dem Fund konnte leider jeder Mensch verdächtigt werden, der sich in den letzen Tagen am Wolfgangsee aufgehalten hat. Darum musste vor allem nach Burschis Bericht das Leben des Opfers aufgegriffen werden, um auf einen grünen Zweig in den Ermittlungen zu kommen.

Man kam: Estefania Morata, südamerikanisches Au Pair Mädchen mit gerade einmal 19 Jahren ließ es krachen in ihrem Reservat der Freude und des Tourismus. Mehrere Männer gaben an, auch die auf der Promenade, das Mädchen nahezu täglich im Abendclub „St Wolfgang“ und am Verleih der Jetskis gesehen zu haben. Dass reiche verheiratete Kerle ihre Zielgruppe war, musste Lieserl nicht mehr extra recherchieren.

Sie begnügte sich derweil mit der Aufgabe, deren Familie in Argentinien zu informieren, da am nächsten Tag laut den Berichten vom Burschi vorlag, dass KO Tropfen die Dirne ausschalteten und der Tod durch Ertrinken eingetreten ist.

„Kein Zweifel, Elisabeth!“, bestätigte Gerhard Brunner.

„Die Frau ist womöglich von einem Boot im völligen Delirium dem Wasser übergeben worden.“

Al Bergmayr hatte inzwischen ganz andere Probleme auf seinem Smartphone. Wenn das der Präsidialrat wüsste. Albert hatte sich auf Empfehlung von Richard Bauernfeind bei einer Online Singleplattform mit Realchat angemeldet und bekam bisweilen keine Ruhe mehr. Anscheinend zog sein Profilfoto besser als gedacht:

„Bischt du noch da?“

„Ja, ich heiße Albert und bin bei der Polizei.“

„Isch liebe disch und warte auf disch in einem anderen Forum. Schreib mit auf Chantal 21 bei Yahoo!“ Isch brauche disch!“

„Alles klar.“ Am Wolfgangsee lag eine Wasserleiche, womöglich mit der gleichen Herkunft wie die Dame hinter dem Chat Fakeaccount. Die Liebe musste mal zurückgestellt werden. Am See unten waren die Ladies ohnehin bekleidet und als Kommissar muss man ja glücklicherweise keine Uniform tragen und kann sich der Temperatur angemessen kleiden. Die Brusthaare entfernt sich Al sowieso im Winter wie im Sommer. Zur kalten Jahreszeit gibt es ja auch noch die Rupertustherme im benachbarten Bad Reichenhall.

Doch nun zurück zum Fall: Die Obduktion war mehr als eindeutig. Das Problem: Nahezu jeder einzelne Urlauber im Erholungsgebiet könnte verdächtig sein, der abends noch mit einem Boot draußen war. Die Liste der Nachtausflügler war aber Gott sei Dank gar nicht so lange wie ursprünglich angenommen.

Herr Lindemann aus dem Rheinland stand aber leider mit darauf, da sein Geschäftspartner das gleiche Urlaubsziel gewählt hatte und den Piefkemacho ausgerechnet am Vorabend mit auf seine Yacht für Handelsvertreter mitgenommen hatte.

Nichts desto trotz gingen die Recherchen auf Grund des Mageninhalts der Ermordeten in eine andere Richtung in die der treuen Familienväter. Keine Unschuldsbekundung, aber man fand bei Estefania Morato seltenen irischen Whisky im Körper. Keine einzige Bar am See führte selbigen, lediglich einen billigen Allerwelts Dew.

„Welches Motiv hat man und wie weit muss man verstrickt sein in eine Gegebenheit, dass man eine unbeseelte Austauschschülerin um die Ecke bringt? Da muss doch mehr sein, Albertissimo“, sprach Bergmayr zu sich selbst. Auch Lieserl Koch war momentan ratlos, was die Beweggründe betrifft. Fakt war, dass sie ermordet wurde und nicht im Rausch der Spirituose starb. In ihrem Magen wurden keine Medikamente gefunden und noch dazu hatte Frau Morata Kratzer an beiden Armen, die darauf schließen lassen, dass sie sich gegen irgendetwas gewehrt hat.

Hannes, Streifenermittler der Mordkommission durchsuchte alle am Hafen liegenden Privatjachten nach Hinweisen, natürlich auch nach Flaschen mit einem Rückstand von „Tullamore 50“, einem Getränk, das im normalen Handel nicht angeboten wird auf Grund seiner gewaltigen Exklusivität.

„Es hilft alles nix, Lieserl, ich rufe den Richie an. Wir müssen tiefer gehen.“

Elisabeth Koch nickte und war wie immer einverstanden, dass Bergmayr den Wiener Detektiv an Bord holte. Die SOKO Wolfgangsee brauchte einen Schnüffler mit Abo im Kriminalbereich.

Richard Bauernfeind freute sich, denn da er diesen Sommer keinen Urlaub buchen konnte, freute er sich, seinen Astralkörper wenigstens ein paar Stunden pro Tag am Ufer in die Sonne legen zu können. 140 Kilo Masse ohne Muskeln bedürfen schließlich auch einer dezenten Bräunung.

Wie dem auch sei, fünfzig Jahre alten Whisky hat man nicht nur einfach mal so im Schrank. Entweder man verdient sich so eine Flasche durch jahrelange Arbeit als Barchef in einem weltweit renommierten Haus oder man ist Hotelbesitzer am Wolfgangsee mit einem Faible für erlesene Spirituosen.

Rainer Holzer, Metier des Seeresorts war bekannt dafür zu sammeln und zu horten, was wertvoll ist. Bauernfeind quetschte ihn aus wie eine Zitrone, denn Holzer hatte die Angewohnheit, seine Flaschen zu rinden, das heißt zu markieren, bis wie weit er den edlen Stoff bisweilen getrunken hatte. Mit einer Kerbe an der Flasche.

In der Tat fuhr Holzer auf den See in der Nacht, in der Estefania Morata ermordet wurde. Von einem Alibi möchte man kaum sprechen, denn der Hotelier gestand schon nach wenigen Minuten sein Unterfangen ohne jegliche Reue und Mitgefühl. Manche Menschen denken anscheinend, dass sie auf Grund ihres Status und Wohlgeborenheit etwas Besseres sind als andere, beispielsweise billige Arbeiter.

„Ja, ich habe diese Schnalle umgebracht, weil sie mir mein Geschäft versaut hat. Sie spannte zahlenden Gästen die Männer aus. Ich habe sie noch gefickt, bevor ich sie betäubt und ins Wasser versenkt habe. Etwas anderes hat sie auch nicht verdient.“

Bergmayr stutzte. Lieserl Koch verließ den Raum.

Es gibt leider auch in der westlichen Welt Kreaturen, die denken, mit Geld alles kaufen zu können. Menschen, die von einem Gedanken besessen sind, dass es Klassen gibt.

Herrn Lindemann kann man nur Glück wünschen. Frauen sind keine Ware. Wir hoffen, dass er noch einen schönen Urlaub hat und das Fremdgehen bleiben lässt.

Liebe für ein Leben ist ein Sechser im Lotto.

Die Sonne geht gerade auf im Salzkammergut. An so einem Tag nimmt man auch Leute fest. Die dazugehörige Justiz ist immer ein anderes Thema.

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am März 11, 2017 von in Lyrik.

Tags

Literaturdepot

Um neue Beiträge per E-Mail zu erhalten, hier die E-Mail-Adresse eingeben.

Schließe dich 19 Followern an

%d Bloggern gefällt das: