Roman Reischl Blog

Roman Reischl (Autor)

Sozialphilosophisch

Sozialphilosophisch

 Kuenstlicher-Sternenhimmel

 

Für manche Menschen kommt irgendwann die Zeit, noch einmal komplett neu zu beginnen. Für Craig Rondell war der Auslöser dafür, dass er schlimme Angstzustände bekam.

 

Er wollte reisen, die Welt entdecken, um diese Krankheit zu bekämpfen. Auf gewisse Weise ein neues Bewusstsein zu erlangen war sein großes Ziel. Unendliche Horizonte würden sich ihm auftun. Er besaß die Ruhe, alles genau und gründlich zu planen.

 

„Kein Kontinent soll dabei zu kurz kommen“

, sinnierte er.

 

Jeden Morgen nach dem Aufbrühen des Kaffees recherchierte er im Internet. Ein Grundriss seiner Route existierte bereits. Nichtsdestotrotz bewegten sich seine Gedanken immer wieder um seine unergründete Angst.

 

„Ich tu das für mich, eingestellt mit guten Medikamenten hole ich alles nach“,

sagte er, als er sein früheres Leben betrachtete.

 

Craig konnte sich und seiner Liebsten ein beschauliches Leben in Colorado bieten. Für Unternehmungen wie beispielsweise ein Trip nach Asien reichte es nie. Beide liebten die Kultur. Sie genossen sie, soweit es in ihren Möglichkeiten stand. Das funktionierte jahrelang sehr gut.

 

Doch seine immer wiederkehrenden psychischen Probleme zerstörten die Liebe und Craig´ s gesamtes Berufsleben.

 

An einem Tag im März, es war gerade erst 5.30 Uhr morgens, stand Craig Rondelle pünktlich an den Ticketschaltern seiner Airline am Los Angeles International Airport. Die Nacht zuvor war er mit einem Überlandbus angereist.

 

Gebucht war sein erster Flug in Argentinien´ s Hauptstadt Buenos Aires. Etwas nervös griff er alle paar Minuten seine Hosentasche ab. Wie ein Neurotiker stellte er sich immer wieder die Frage:

 

„Habe ich wirklich alles dabei?

Sind die Herdplatten aus?

Ist das Wasser abgedreht?

Reicht mein Tablettenschächtelchen für mein Vorhaben?“

 

In der Lounge wurde er von einem älteren Herrn beobachtet. Craig merkte das. Es machte ihn noch unruhiger. Sein Flug wurde schon am Gate angezeigt.

„ARRIVAL IN TIME“ leuchtete es am Bildschirm auf. Alles schien in Ordnung zu sein.

 

Der alte Mann in der Wartehalle blickte abwechselnd auf die Uhr und dann wieder zu Craig herüber. Langsam überkam den Reisefreudigen ein seltsames, ja mulmiges Gefühl.

 

„Wenn der jetzt auch noch mit einsteigt, bekomm´ ich einen kompletten Vogel, im wahrsten Sinne des Wortes“,

murmelte er in sich hinein.

 

Am liebsten hätte er sich eine Zigarette angesteckt. Der Ausgang war jedoch zu weit entfernt und die Zeit zu knapp. Das Boarding sollte in weniger als zehn Minuten schon beginnen.

 

Craig überprüfte zum hundertsten Male seine Geldbörse, den Ausweis und das Handgepäck. Es fehlte nichts. Mehr oder weniger war er startbereit.

 

Der Flug verlief reibungslos. In Buenos Aires schien die Sonne. Craig´ s Freundin rief an um von ihm zu hören, dass er gut angekommen ist. Nachdem er das bejaht hatte, orderte er ein Taxi zu einem kleinen Hotel, das für ihn reserviert war.

 

Die Stadt machte ihrem Namen alle Ehre. Es roch nach dem Meer, den aufblühenden Obstbäumen und nach einfachem Leben. Genau so einen Ort wollte Craig kennenlernen, bevor er eine Woche später nach Europa weiterfliegen würde.

 

In der Nachbarschaft seiner Bleibe wurde gerade gebaut. Etwas makaber erschien ihm, dass just neben der Baustelle Grabsteine standen, wie in Reih´ und Glied.

 

„Warum um alles in der Welt errichtet man ein Haus, dessen Garten einen unmittelbaren Blick auf einen Friedhof bietet“,

fragte sich Craig.

 

Schließlich gab es genug Platz, in der ganzen Straße befanden sich mehrere unbebaute Grundstücke.

 

Einen Tag später schlenderte er an den Gräbern vorbei. Er blieb stehen und hielt eine Weile inne. Ein lauer Wind streifte ihm über den Nacken. Nach genauerem Hinsehen entdeckte Craig etwas. Er wischte sich über die Augen.

 

„Das darf doch wohl nicht wahr sein!“,

rief er und atmete schneller.

 

Was er da erblickte, schien mehr als bizarr. Craig vermutete auf Grund dessen einen geistig Verwirrten im Viertel. Wer sonst würde fünf Gräber an dieser Stelle ausheben und so gestalten?

 

„Warum sich da noch keiner beschwert hat, das ist doch krank!“,

grübelte er.

 

Zu seinem Erstaunen waren die offenen Gruben nicht leer. Nicht dass darin Leichen vor sich dahin verwesten, nein, sie wurden mit Material befüllt. Craig dachte an einen schlechten Scherz, eine Tradition oder ähnlichem und erschrak.

 

Jemand tippte ihm von hinten sanft an die Schulter. Dem Amerikaner rutschte beinahe das Herz in die Hose. Mit ohnehin feuchten Händen und Zittern gesegnet stand ihm nun ein dubioser Herr gegenüber. Jedoch kein Unbekannter. Es handelte sich zweifellos um den alten Mann vom Flughafenterminal in L.A.

 

„Was zur Hölle…“,

setze Craig an.

 

Die mystische Begegnung aber deutete mit einer Handbewegung an, dass Craig sich beruhigen soll. Die weißen Haare nach hinten gekämmt und mit einem Spitzbart erinnerte der Kerl an einen Möchtegern-Reichen, der es aber nie richtig geschafft hat, es wirklich zu etwas zu bringen im Leben.

 

„Hören sie, Sir. Sie müssen sich nicht vor mir fürchten. Ich möchte ihnen dieses Kunstwerk erklären, darum habe ich sie geholt.“

 

„Geholt?“

Craig reagierte nun couragierter. Durch seine Anspannung musste er sich Luft verschaffen.

„Ich habe sie am Airport gesehen. Was möchten sie von mir? Von welch einer Kunst sprechen sie? Lassen sie mich gehen.“

 

Craig suchte die Flucht nach vorne.

Der Alte zischte:

„Bitte nicht. Bleiben sie! Ich bewundere sie und möchte ihnen das in Ruhe zeigen.“

 

Sichtlich verdutzt blickte Craig Rondell dem Zeitgenossen in die Augen. Der wiederum blickte indessen fast scheu in den Boden.

 

„Nun gut“,

lenkte Craig ein.

„Was haben sie, um was geht es? Ich bin hier im Urlaub.

Sie sind mir eine Erklärung schuldig.“

 

Der kauzige Geselle lächelte.

„Gewiss. Ich weiß, warum sie hier sind, Mister Rondell. Sie haben viele Beiträge in der Denver Post veröffentlicht, die mir gefallen haben.“

 

„Ja und? Deshalb folgen sie mir an diesen gottverlassenen Ort?“

 

„Nein Sir. Ich lebe hier in Buenos Aires. Ich bin Architekt und kunstbesessen. Des Weiteren habe ich, denke ich eine soziale Ader. Das Haus im Bau, das sie hier sehen, ebenso der Friedhof sind mein neuestes und womöglich wirksamstes Projekt.“

 

Nachdem dieser Mann Craig das eröffnet hatte, einigten sich die beiden darauf, das Gespräch in einem anderen Umfeld, einer gemütlichen Taverne fortzusetzen. Craig´ s Bekanntschaft stellte sich mit dem Namen Luis Fernandez vor. Dann begann er mit seinen Ausführungen:

 

„Ich beerdige symbolisch die vier Elemente Wasser, Erde, Feuer und Luft. Nicht zuletzt habe ich ein fünftes Loch gegraben für die Liebe. Mein Schwager gravierte die Steine. Damit will ich aufzeigen, wie der Mensch damit umgeht:

 

 

–         Er leitet Gifte ins Wasser, nimmt unzähligen Tieren den Lebensraum und sorgt gründlich dafür, dass sein eigenes Grundwasser knapp wird.

 

–         Er verpestet durch Autos, zu viel Flugverkehr und Fabriken die Luft.

 

–         Er verbaut die ganze Erde und nimmt anderen ihr Land, um selbst noch mächtiger zu werden.

 

–         Er benutzt das Feuer für Raketen, für Waffen und damit den Krieg.

 

–         Auf Grund seiner Habgier und dem Arschtritt für alle Elemente des Lebens musste letztendlich auch die Liebe weichen, die ursprünglich das Maß aller Dinge war.

 

Daneben lasse ich ein abstraktes Bauwerk errichten, in welchem ich mehrere Ausstellungen ins Leben rufen werde. Der Eintritt wird frei sein, damit jeder, also auch die Kinder des Elends in dieser Stadt und auf der Welt hautnah erfahren dürfen, weshalb sie so erbärmlich leben müssen.

 

Die Räume des „Sozialmuseums“ werden nach Diktatoren, Unwettern, Seuchen und Kriegsschauplätzen benannt.

 

Verzeihen sie mir, Mister Rondell, ich habe das Reisebüro bestochen, in dem sie gebucht haben, um sie exakt hierher zu lotsen. Ich wusste von ihrer Weltreise, ihrer Erkrankung und ihrem grandiosen Geistesreichtum. Das hat mir sehr imponiert, das muss ich schon sagen. Bewusst war mir was ich tat, glauben sie mir. Ich wollte sie nicht in Gefahr bringen, deshalb war ich immer in ihrer Nähe. Mein Ziel war es, ihren Trip vorzeitig hier in Argentinien zu beenden, um sie mit im Boot zu haben. Leute wie sie können dem Unternehmen nur gut tun.“

 

Craig Rondell war fassungslos, aber mit Stolz erfüllt. Er überlegte nicht lange und bestätigte Fernandez´ Anfrage mit Handschlag.

 

Wo könnte er besser gegen seine Angst ankämpfen und die echte Welt mit all ihren Ecken und Kanten entdecken als hier?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Februar 13, 2013 von in Kurzgeschichten.

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