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Roman Reischl (Autor)

Frauensache

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„Dein Bruder soll das machen, er kennt sich da besser aus.“

Diesen Satz hörte Ellen, seit sie denken konnte. Ihr Elternhaus im nebligen Londoner Vorort Norbury war traditionell britisch, ebenso wie das gesamte Viertel.

 

Ellens Bruder Stephen begann im zarten Alter von zwölf Jahren die beschauliche Gegend mit Hilfe seiner Clique zu beherrschen. Der Versuch, „wild und gefährlich“ zu sein wie die Gangs im zentral gelegenen Armenviertel Soho gelang nur sporadisch. Er beschränkte sich auf das Einwerfen von Fenstern stillgelegter Fabriken und dümmlichen Sprüchen gegenüber den Lehrern in der Schule.

 

Es war ein verregneter Sonntag im März 1996. Das Land stand kurz vor der Fußball-Europameisterschaft. Diese Tatsache interessierte die mittlerweile 17 jährige Ellen und ihre beste Freundin Kate herzlich wenig. Stephen war bereits seit einem Jahr aus dem Haus. Er war auf Grund seines Mechanikerberufes nach Manchester verzogen. Die beiden Teenager konnten den gesamten ersten Stock des kleinen Reihenhauses mit Vorgarten als ihr Refugium ansehen.

 

Katie schwärmte ihrer Freundin vor:

„Die gehen jetzt alle fast jeden Nachmittag nach Covent Garden. Dort tummeln sich die Jungs aus allen Teilen der Stadt. Vergiss die Touristen dort einfach. Kannst du dich noch an Lisa erinnern aus der Gesamtschule? Die hat einen von den Straßenkünstlern kennen gelernt. Der Kerl ist echt so kreativ und kennt die ganze Welt.“

 

Ellen war von diesen Freidenkern in der Stadt nicht sehr begeistert. Dennoch machte sie zusammen mit Katie und einigen Mädchen aus besserem Haus zu dieser Zeit die Nachtclubs unsicher. Nichtsdestotrotz standen die Abschlussprüfungen der Grammar School unmittelbar vor der Tür.

 

„Steh endlich auf Ellen, es ist viertel nach sieben. Du bist über die Zeit. Hast du für die Klausur gelernt? Du musst das schaffen! Für eine junge Frau ist der Abschluss das wichtigste, wenn sie etwas erreichen will. Reiß dich zusammen, wie lange war es denn gestern wieder? Wo wart ihr denn so lange?“

 

Ellens Mutter blieb der Wandel ihrer Tochter nicht verborgen. Geistesabwesend steuerte das Mädchen ins Badezimmer und behalf sich ihrer Schminktasche, um die tiefen Augenringe zu überdecken. Selbst am Abend vor der Wirtschaftsprüfung belebte sie die Szene.

 

An jenem Vormittag wurde ihre vorhandene Konzentrationsschwäche doppelt getrübt. Ellen hatte Drogen genommen. Der glänzende Abend im „Rotation“ begann nun, ihr zum Verhängnis zu werden. Ihr ohnehin schon aus der Kindheit stammendes mangelndes Selbstwertgefühl bröckelte. Kreisende Gedanken beschleunigten die Zeit, die sie hatte, um richtig anzukreuzen. An gewissenhaftes Beantworten der offenen Fragen war nicht zu denken.

 

Zwei Tage später kam ihr Vater aus Sydney zurück. Der Geschäftsmann, tätig für einen Autobauer, war immer mal wieder auf Fernreisen unterwegs. Durch seine Tätigkeit brachte er auch Ellens Bruder in die Branche.

 

Von jeher fühlte sich Ellen von ihm vernachlässigt. Ihr Bruder durfte alles, bekam alles. Stephen hatte zweifellos auch die gleichen Interessen wie sein alter Herr.

 

Pünktlich zur Ankunft des Familienoberhaupts trafen auch per Post die Ergebnisse der Abschlussprüfung ein.

 

Ellens Vater reagierte auf ungewöhnliche Art. Statt einem Wutausbruch, der nach einigen Stunden abklingt, befand er eiskalt, dass die junge Frau zu alt für ein Internat sei. Mit ruhiger, tief enttäuschter Stimme forderte er seine Tochter auf, das Haus zu verlassen. Die bitteren Tränen von Ellens Mutter unterstrichen den Moment, vor dem sich auch jede Familie fürchtet, so lange man mit den eigenen Kindern unter einem Dach lebt.

 

Des Vaters trockene Art mit der Aufforderung, mit ihren Drogenmädchen zusammenzuziehen, glich fast einer geschäftlichen Verhandlung. Einem Gespräch zwischen zwei Menschen, die sich ansonsten nicht sehr viel zu sagen haben.

 

Picadilly Circus, Central London, 22.00 Uhr:

 

In den Nischen zwischen den Fast Food Restaurants und Souvenirläden hatten einige Jugendliche Schlafsäcke ausgebreitet. Neben leeren Bierdosen und Vodkaflaschen standen Teelichter, die dem Wind meist nicht standhielten.

 

Ellen fand schnell Anschluss. Sie kannte bereits zwei der Mädchen, die hier ihre Nächte verbrachten.

 

Ein junger Mann aus Irland, er hieß David, wurde Ellen im Laufe der Wochen immer sympathischer. Er hatte Fantasie. Aber dennoch war er kein unrealistischer Spinner wie die vielen anderen. Mit ehrlicher Arbeit. Oft unterhielten sich die beiden noch stundenlang in der Kälte, während der Rest der Straßenkids schon durch den Drogenrausch eingeschlafen waren.

 

„Hast du was gelernt?“, war eine der ersten fragen, die David den Neuen stellte.

 

„Ich habe die Schule geschmissen. Meine Eltern wollten danach nichts mehr mit mir zu tun haben. In die Tradition unserer Familie passen keine Versager.“

 

„Welche Tradition? Britischer Ergeiz? Steifheit? Das ist schon lange nicht mehr aktuell, Mädchen.“

 

„Man merkt, dass du Ire bist.“, antwortete Ellen schnippisch.

 

David konterte lächelnd: „Weißt du eigentlich, dass 60 % der Briten noch niemals im Leben diese Insel verlassen hat? Ist doch irgendwie traurig, findest du nicht?“

 

„Mir egal, David! Auf was willst Du hinaus? Mein dämlicher Vater reist um die ganze Welt, weißt du?“

 

„Ich wollte damit andeuten, dass du eine Chance hast, auch ohne Ausbildung. Aber nicht in der Ecke, im Stützpunkt der Verstoßenen.“

 

David schilderte seiner Freundin bis ins Morgengrauen des wolkenverhangenen Oktobertages, dass er für sie beide eine Chance sieht. Es fing damit an, sich auf öffentlichen Toiletten zu waschen und rasieren. Es folgte ein Vorschlag zum Besuch eines Waschsalons zur Rettung der noch einigermaßen erhaltenen guten Kleidung. Es endete mit einer Idee und einer Visitenkarte.

 

Es handelte sich um eine renommierte Agentur des Tourismusverbandes, die ungelernte Menschen auf Kreuzfahrtschiffe bringen.

 

„Die Gastronomie wird uns nicht mit Geld verwöhnen. Wir werden 7 Tage die Woche arbeiten. Aber wir sind verpflegt. Wir kommen aus dem Elend. Die ganze Welt könnten wir nebenbei kennen lernen. Gib dich nicht auf Ellen, du kannst bestimmt auch fleißig sein. Sieh dich doch mal um. Was hast du zu verlieren? Du bist noch nicht beim Heroin gelandet. Du wirst keinen Entzug haben. Lediglich deine Gewohnheiten wirst du ändern müssen.“

 

„So einen hohen Stil traust du mir zu, David?“ Ellen spürte trotz dem Schmerz einen Funken Hoffnung. „Auf diesen Schiffen sind doch nur feine Schnösel. Leute wie mein Vater.“

 

Der smarte Blondschopf aus Dublin drückte sie fest an sich und flüsterte: „Dann zeigen wir den Herrschaften, aus welch gutem Elternhaus wir stammen. Sehen wir uns doch auch mal andere Traditionen an!“

 

Ellen konnte darauf herzhaft lachen. Es war das erste Mal seit der Zeit mit ihrer besten Freundin Katie, dass sie es aus dem herzen heraus tat.

 

Tatsächlich konnten David und Ellen den Eindruck erwecken, den Erfordernissen einer Schiffscrew gerecht zu werden. Dabei spielte eine große Rolle, dass die Nachfrage an Hilfskräften wesentlich größer war als das Angebot williger Kräfte.

 

„Du strahlst sehr viel Herzlichkeit aus!“, bekannte sich eine Kabinenstewardess schon am ersten Abend gegenüber Ellen. „Warum hast du dich im Reinigungsbereich beworben? Du bist attraktiv und hast eine sehr gepflegte Ausdrucksweise.“

 

Lob? Von einer Unbekannten? Nicht einmal von ihrer eigenen Großmutter in Sussex war Ellen so etwas attestiert worden.

 

Wirklich schwer taten sich sowohl David als auch Ellen nicht. Die internationale Belegschaft war dermaßen weltoffen und zugänglich, dass selbst die wirklich knochenharte Arbeit als Bereicherung im einst spießigen Leben erschien.

 

Die schlimme Phase als Obdachlose hatten die beiden Seelenverwandten längst beiseite geschoben.

 

Der erste groß angekündigte Stopp des Luxusliners war Kapstadt. Selbst 7-Tage-Arbeitern wurde hier ein Gang von Bord zur Erkundung gewährt.

„Die Nacht darf nicht zu lange werden, Ellen. Ich kenne dich mittlerweile. Denke an uns, morgen ist ein Boarding von Exklusivgästen. Du hast die Uniform nicht umsonst bekommen. Dein fließendes und schönes Englisch ist ein Highlight innerhalb der Angestellten. Lauf mir nicht davon, ok?“

 

Ellen schmunzelte nur. Sie sah Davids letzten Satz zweideutig. Innerhalb der internen Karriere war sie dem zum Teil kantig wirkenden Iren längst entflohen.

 

Auf einen noch nie da gewesene Weise kam es ihr so vor, als läge der jungen Frau die ganze Welt zu Füßen. Kapstadt leuchtete. Ellen strahlte und tauchte hinein.

 

Am Morgen darauf war ihr Kopf trotz einer langen Nacht frei.

 

Der Dienstbeginn war an diesem Tag für 6.30 Uhr angesetzt, da für einige VIP-Gäste ein besonderer Empfang vorbereitet wurde.

 

Wie jeden Tag wurde vor Arbeitsantritt die Post aus der Heimat in der Personalkantine ausgegeben.

 

Drei Briefe hielt Ellen in Händen. Einen von der Agentur, ein weiterer von der Bank und zuletzt: Ein großes Couvert von ihrer Mutter. Sie traute ihren Augen nicht und hastete nervös in ihre Kajüte. Ellen begann zu weinen, als sie die Handschrift ihrer Mutter erblickte. Ebenso einfühlsam war deren Geschriebenes. Doch die bitterste Nachricht fügte die Absenderin, die mächtig stolz auf ihre Tochter war, in den Schlusssatz.

 

„Geh deinen Weg weiter, er ist gut. Vergiss uns nicht. Bitte! Genauso wenig solltest du Katie vergessen. Sie ist vor einigen Tagen an einer Überdosis Heroin kollabiert und tot zusammengebrochen. Ich kann mir denken, wie du dich jetzt fühlst, meine kleine Ellen. Aber mache bitte damit weiter, was du angefangen hast. Ich liebe dich. Deine Mutter.“

 

Ellen war so geschockt, dass sie den Chef der Crew aufsuchen wollte, um sie für einen Tag freizustellen!

 

Als sie die Tür zum Gang öffnete, blickte sie zuerst auf die wunderschöne verzierten Lampen am Gang. Eine Hilfskraft saugte fröhlich pfeifend den orientalischen gestalteten Läufer.

 

„Nein!“, rief Ellen. „Ich bin jetzt hier. Trauer ist selbstverständlich für mich. Aber meine Gäste trauern nicht. Sie wollen mich. Weil ich lächle und herzlich bin. Weil ich zu den Starken gehöre!“

 

Wenige Minuten später meldete sich Ellen pünktlich in frisch gebügelter Kleidung zum Dienst.

 

Es vergingen einige Monate, ehe Ellen ihrer Mutter antwortete.

 

Sie strich sich mit einer gewissen Genugtuung durch ihre braunen, lockigen Haare. Hinter den Brief hatte sie Gutscheine für zwei Personen für eine Aufführung am New Yorker Broadway gesteckt. Ihr Schiff würde zur gleichen Zeit in der Metropole anlegen.

 

Ellens Eltern war kein Weg zu weit um sie zu sehen. Sie sagten sofort, diesmal sogar telefonisch, zu. Ein gigantisches Wiedersehen bahnte sich an.

Die Familie kam nach der Show in einem Restaurant in Manhattan zusammen. Für die größte Überraschung sorgte Ellens Bruder Stephen. Der mittlerweile verheiratete Mann hatte seine Frau auf eine Geschäftsreise nach Minnesota mitgenommen. Ein kurzer Inlandsflug nach New York City war ihm seine Schwester in jeder Falle wert.

 

Die Zusammenkunft war eine Angelegenheit der Gefühle. Die Skepsis Ellens Vaters schien etwas abgeflaut zu sein.

 

Stephen blickte seiner Schwester ins Gesicht, während diese genüsslich ihr letztes Stück rosa gebratenes Rinderfilet verspeiste.

 

Das gesamte Lokal war in dezent gedimmtem Licht, doch für Ellen war der Raum so hell, als wären niemals Probleme vorhanden gewesen. Selbst das Abendrot der untergehenden Sonne über den Dächern der gewaltigen Hochhäuser bedeutete kein Untergehen, sondern Start. Neustart in die Gesellschaft.

 

„Ich habe etwas für dich, Mama!“

 

Neugierig blickte die gesamte Familie auf die Tickets, die Ellen aus ihrem grauen Mantel hervorzog. Keiner ahnte, dass der einst billige Mantel einmal als Kopfkissen diente.

 

Ellen hatte eine Tour durch die Staaten mit Leihauto gebucht und sich zwei Wochen frei genommen. Sie wollte mit ihrer Mutter ganz Nordamerika bereisen. Die in die Jahre geratene Frau nahm natürlich an. Schließlich waren Theaterbesuche, ebenso wie ausgiebige Shoppingtouren in Amerikas größten Städten geplant.

 

„Und uns nimmst du nicht mit?“, erkundigte sich Ellens Vater.

 

„Nein, Papa! Mit dir rede ich eines Tages über das Geschäftliche. Oder auch über meine Welt, nicht deine. Ich hab dich lieb. Aber das hier ist Frauensache, verstehst du, was ich meine?“

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Februar 9, 2013 von in Kurzgeschichten.

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