Roman Reischl Blog

Roman Reischl (Autor)

Poinsettia

Poinsettia

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Im Salzburger Land, auch in den Skigebieten der Obertauern, wird gerne das Moderne mit der Tradition in Verbindung gesetzt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass man beim feuchtfröhlichen Apres-Ski mitunter von den neusten Trends in der Bergwelt hört.

Claudia und Volker, ein junges Paar aus Erfurt, waren zum ersten Mal im Winterurlaub. Sie hatten eisern dafür gespart. Volker ließ sogar seine Partywochenenden mit Freunden für eine ganze Weile ruhen.

„Man sagt sich, dass irgendwo am Dachstein, dort zwischen Schnee und Eis, eine einzelne Blume blüht.“

Der alte Wirt zog die Augenbrauen nach oben und lächelte seine zwei neuen Pensionsgäste an.

Im Nebenhaus heizte dessen Sohn den Wintersportlern nach einem Tag auf der Piste mit elektronischer Musik kräftig ein. Die Liaison von Kachelofen und David Guetta war gelungen.

„Wie soll eine Blume bei solch einer Kälte ohne Nährboden gedeihen?“, winkte Volker ab.

Der urige Gastgeber betonte, dass es sich ja nur um eine Art Märchen handle. Es sei Tradition geworden, dass er es allen Neuankömmlingen erzählte.

Die beiden Thüringer konnten nicht abstreiten, sich durchaus geborgen zu fühlen. Der Mann strahlte ein „Herzlich-Willkommen-Gefühl“ aus, wofür Hotelgäste oft vergeblich Geld ausgeben. Des Weiteren ging er mit der Zeit. Sein Erstgeborener hatte in der Zwischenzeit ein Schnaps- und Glühweinzelt am Ende der Schlepplifte aufstellen lassen.

Claudia war durch die lange Anfahrt etwas müde. Sie hatte aber nichts dagegen einzuwenden, dass es ihren Freund zur feiernden Jugend zog.

Wenig später saß die allein in der Stube. Mehr als beeindruckt war sie, als der greise Hausherr mit einer Karaffe Rotwein den gemütlichen Raum betrat.

„Darf ich dir ein bisschen Gesellschaft leisten? Ich kann dir die Umgebung ein wenig näher bringen.“

Die gerade erst volljährige Erfurterin stützte ihren Kopf auf den linken Ellenbogen.

„Das mit der Blume, das fing so schön an. Erzählen sie mir doch die ganze Fabel.“

„Fabel? Ja, gerne.“, erwiderte der Österreicher. Er mochte Fremde. Seine Herberge gab ihm jeden Tag neue Eindrücke. In solch einer Abgeschiedenheit ergibt sich so ein Verlangen meist von selbst.

Die verschneiten Dächer trugen dicke Eiszapfen an den Regenrinnen. Der Malerische Ort im Tal wurde zart vom Schein des Vollmondes in eine zauberhafte Atmosphäre versetzt. Lediglich der steile Abhang der Skifahrer und Snowboarder wurde von grellen Flutlichtern angestrahlt.

„Nun gut, Claudia.“ Der Wirt begann damit, seine Lieblingsgeschichte zu erzählen:

„Man sagt in den Orten dieser Gegend, irgendwo wachse sie wirklich, besagte Blume. Das Pflänzchen hat die seltsame Eigenschaft, nur in tiefster Kälte hoch oben am Gletscher zu gedeihen. Das Besondere daran ist, dass derjenige, der sie findet, pflückt und sorgsam aufbewahrt…..“

Der alte Mann stockte kurz:

„… das Glück für die Ewigkeit gepachtet hat. Niemals wird ihm je wieder seelischer Schmerz widerfahren. Alles, was der Glückliche anpackt, wird gelingen.“

Claudia strahlte ihn an: „ Eine wunderschöne alte Sage aus den Bergen. Wirklich wahr. Glaubst du denn tief im Inneren ein wenig daran?“

„Ich war noch nicht fertig, Mädchen.“, entgegnete der kauzige Mann und strich sich durch seinen Bart. Seine Augen begannen zu leuchten, womit die Frage der jungen Erfurterin fast schon beantwortet war.

„Zur Zeit der Nazis, genauer gesagt im Jahr 1941, brach ein Wandertrupp zum Dachstein auf. Die fünf Bergsteiger sind nie wieder aufgetaucht. Doch nun kommt das Geheimnisvolle.“

Claudia blickte ihren Erzähler sichtlich neugierig an.

„Wenige Jahre später, nach Kriegsende, fand man im weit entfernten Puerto Rico Gegenstände aller fünf Wanderer. Wie kommt das? Keiner derer war jemals zuvor in der Karibik. Das Unfassbare daran ist, dass auf jedem Fundstück ein Symbol zu finden war. Eine Blume!“

Das Mädchen zuckte erst mit den Schultern, kurz darauf schüttelte sie den Kopf.

„Der Zauber der Eisblume hat die Forscher vor dem Tod in den Gletschern bewahrt.“

Claudia antwortete ungläubig: „Nein, denn sonst hätten sie sich bei ihren Liebsten gemeldet, weißt du?“

„Das bleibt allein dir überlassen, Kleine. Das Ende der Geschichte darf jeder für sich bestimmen. Das ist doch anspruchsvoller als ein Hollywood-Film, nicht wahr?“

Der Wirt lachte und goss beiden noch ein Gläschen ein.

Just im gleichen Moment kam Volker vom Apres-Ski zurück. Auch er schien sichtlich gut gelaunt zu sein. Jedoch war das Paar nach dem ersten Tag in den winterlichen Alpen müde geworden. Höflich wünschten die dem Gastwirt eine gute Nacht und verabschiedeten sich in ihr Zimmer.

Vor dem Einschlafen musste Volker seiner Freundin aber noch erzählen, dass er einen Profi-Bergführer kennen gelernt habe. Der plane für Touristen günstige Skitouren an Orte, wo keine Lifte mehr sind.

„Pulverschnee, unberührt, das ist richtiger Sport!“, schwärmte er ihr vor.

„Darüber reden wir morgen, Schatz.“, sagte Claudia. „Träum was Schönes.“

Am Morgen darauf war Volkers Euphorie keineswegs verflogen. Im Gegenteil. Begeistert vom vorabendlichen Gespräch versuchte er, seiner Lebensgefährtin eine Skitour in die Gletscher schmackhaft zu machen.

„Mit Fellen unter den Brettern wandern wir bergauf, mein Engel. Beim Herunterfahren werden wir allein sein in unberührter Natur und Tiefschnee.“

Claudia erinnerte sich an die Sage der Eisblume: „Ja, alleine und ohne Chance auf Hilfe. Weißt du, dass da oben schon sehr viele Menschen tödlich verunglückt sind? Wir sind Anfänger. Lass es uns gemeinsam langsam angehen.“

Der Junge willigte ein, mit der Bedingung, neben den Tagen an den Schleppliften einmal mit dem Bergführer eine solche Tour zu unternehmen.

Es missfiel Claudia, aber sie erklärte sich einverstanden. Ihr Freund hielt entsprechend Wort und verbrachte drei Tage mit ihr an den öffentlichen Pisten.

Sie begleitete ihren Freund am Morgen der Unternehmung noch bis zur Abzweigung neben einem einsamen Parkplatz. Volker wurde bereits von seiner Bekanntschaft Rainer mit der gesamten Ausrüstung erwartet. Dieser war schließlich Mitglied der hiesigen Bergwacht. Mit etwas mulmigen Gefühl und einem zaghaften Kuss verabschiedete sich die junge Frau von Volker.

30 Zentimeter Neuschnee waren während der Nacht niedergegangen. Laut der Wetter-vorhersage wurde tagsüber noch einmal die gleiche Menge erwartet.

Das motivierte Duo freute sich auf Traumverhältnisse. Mit Fellen unter den Skiern begann der Aufstieg zwischen Tannenwäldern und einem unglaublichen Blick auf die kantigen Felsen der Bergmassive.

Volker hielt gut mit. Doch nach etwa einer Stunde war ihm der Profi schon knapp 100 Meter enteilt. Der schaute sich ab und an um, harrte eine Weile aus, marschierte dann aber weiter. Augenscheinlich waren beide Männer etwas verärgert. Der eine, weil der Neuling zu behäbig war. Der andere, weil der Bergführer nicht wartete und wohl keine Lust hatte, sich ein wenig zu unterhalten. Schon vor einer halben Stunde hatte sich die Sonne hinter dunklen Schleierwolken verzogen.

Vor Rainers Augen breitete sich mittlerweile die Großfläche des Dachsteins aus. Er hielt nun an, als er bemerkte, dass erste Verwehungen einsetzten. Jedoch hatte Volker bereits eine falsche Route eingeschlagen. Die Spuren seines Vorgängers waren sorgfältiger verwischt wie beim Antritt einer neuen Arbeitsstelle. Eiskalte, pfeifende Winde wurden im Inneren beider Sportler durch hitzige Angstwallungen übertüncht.

Claudias Worte bekamen eine erschreckende, unheimliche Brisanz. Volker zog sein Mobiltelefon aus seiner Jacke. Stürmischer als seine Bewegung jedoch peitschte die steifen Brisen des Gletschers um seine Ohren. Keine Verbindung. Die Panik ließ ihn nach Rainer rufen. Keine Natwort. Hektisch riss er die Felle von seinen Brettern. Trotz schlechtester Sicht suchte Volker nun den schnellsten Weg nach unten.

Seinen schweren Sturz in einer Kameraaufnahme würde einem Betrachter andeuten, dass sämtliche Knochen gebrochen sein mussten. Volkers Skier schossen quer in die Versenkung. Dunkelheit kehrte ein. Der Berg war gnadenlos auf der Suche nach neuen Opfern.

Der Skifahrer blickte mit schmerzverzerrtem Gesicht ins Tal. Durch einen Augenwinkel konnte er die Lichter Schladmings erkennen. Doch viel erstaunlicher war ein schwaches, rotes Scheinen neben seinem vermeintlichen Grab im Schnee. „Poinsettia?“ In seinem Ohr hallte ein Flüstern. War da wirklich ein Weihnachtsstern inmitten des harten Winters geblüht? Geistesgegenwärtig dachte er an die Weihnachtssterne seiner Großmutter und griff instinktiv nach der Pflanze.

Der Einbruch der Nacht ließ Flocken auf Volkers unterkühlten Körper rieseln. Nur noch wenige dieser Sterne lösten sich auf der Netzhaut seiner Augen in Wasser auf.

Claudias Rückkehr nach Erfurt wurde von deren Vater vorgenommen. Das völlig aufgelöste Mädchen hielt vergeblichen Kontakt über Skype mit der Bergwacht.

Mit zitternden Händen öffnete sie die Tür der gemeinsamen Wohnung in Thüringen. Bis auf ein Detail war alles unberührt. Auf dem Wohnzimmertisch lag eine Postkarte, zusammen mit einem Lederemblem. Hastig griff Claudia nach der Karte, um sie zu lesen:

„Komm nach Puerto Rico, mein Schatz. Lass uns Weihnachten im Warmen verbringen. Warum? Weil ich hier bin. Die Wärme hat mir gefehlt. Es war so kalt!“

Auf dem Lederband war etwas eingraviert: Eine Blume und die Inschrift: Zu jung!

gez. Alpenverein, Sektion Karibik

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Januar 20, 2013 von in Kurzgeschichten.

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