Roman Reischl Blog

Roman Reischl (Autor)

Heiligabend

Heiligabend

Meine Weihnachtsgeschichte

© RR, 24.12.2012, Bayerisch Gmain, BGL

Bartholomä-bei-Nacht

Manchmal möchte man das Gegenteil von dem, was andere einem gut heißen.

Marc stammt aus einem kleinen Örtchen in Wyoming, einem kleinen US-Bundesstaat nahe der Rocky Mountains. Er hat vor kurzem seinen Kfz-Meisterbrief erhalten und führt nicht erst seitdem die Werkstatt seines Vaters weiter, dessen Wunsch immer war, dass der Junge in seine Fußstapfen tritt. Im Grunde könnte Marc ein überaus glücklicher Mensch sein, denn seine Zukunft ist abgesichert und sein Privatleben ist durch zahlreiche Hobbys und Interessen ausgefüllt.

Mit seiner Freundin Kimberly lebt er seit vier Jahren in der gemeinsamen Wohnung im oberen Stockwerk des Hauses seiner Eltern. Oftmals jedoch ertappt sich der junge Mann dabei, wie er stundenlang alleine am Fluss spazieren geht und bildhaft gesprochen versucht, seine ungeordneten Gedanken vom starken Strom des Gewässers hinfort spülen zu lassen. Doch wie meistens will ihm das nicht wirklich gelingen. Marc hat Wünsche, die seiner Meinung nach niemand in seinem Umfeld wissen sollte: Er träumt davon, für eine gewisse Zeit die Vereinigten Staaten zu verlassen und in Indien zu leben.

Durch seine Begeisterung für Großbritannien und die dortige Teekultur ist ihm nämlich die Idee gekommen, professionell in die Teeindustrie einzusteigen. Er möchte gerne „Teebeutelgestalter“ werden und damit Trends setzen, damit die gesamte Produktion der Teebeutel nicht immer nach der Herstellung dieser wunderbaren Kräuter nach China gelegt wird. Marc findet, dass jeder Amerikaner ein Recht darauf hat, sich seine Teebeutel farblich und von der Form her von einem echten Kenner gestalten lassen zu können.

Den Anstoß zu diesem genialen Einfall gab ihm Anthony, ein ehemaliger Klassenkamerad von der High School, der schon auf dem berüchtigten Abschlussball die Damenwelt mit seinen Kreationen von bunten Luftballons überzeugte. Mittlerweile ist Anthony ein hoch angesehener Gummiexperte und hat sich bei „durex condoms“ in London auf das ausgiebige und sehr anstrengende Testprogramm von Präservativen spezialisiert.

Die Erfolgsgeschichte seines Kumpels lässt Marc keine Ruhe mehr. Heimlich brüht er in seiner Autowerkstatt erlesene Ceylon Tees auf und reibt sein hochwertiges Gedeck mit speziellen Pflegemitteln ein, die er sich über das Internet aus Perthshire einfliegen lässt. Kimberly hat bis dato noch nichts mitbekommen, allerdings fragt sie sich seit längerem, warum neben den Schraubzwingen und Motorenölen öfter mal eine ausgequetschte Zitrone liegt. Marc ist bereits an einem Punkt angelangt, an dem er nicht mehr aus seiner Haut kann.

Lange konnte er sein Faible geheim halten, doch dieses Jahr zu Weihnachten möchte er endlich auspacken. Nachdem die gesamte Familie am Tisch versammelt ist, nimmt Marc all seinen Mut zusammen und kredenzt seinen Eltern, Kimberly und der restlichen Verwandtschaft, dass er den Rest seines Berufslebens damit verbringen will, mit Teebeuteln im Exklusivdesign in den USA den ganz großen Durchbruch zu schaffen.

Überraschender Weise reagieren seine Liebsten äußerst verständnisvoll. Seine Freundin umarmt ihn sogar und weint vor Freude, wie sich ihr Herzblatt am Heiligen Abend öffnet. Demnach brechen bei ihr alle Dämme, denn endlich kann auch sie loswerden, was ihr seit Jahren auf dem Herzen liegt: Kimberly verrät der Runde folglich, dass Indien ihr Traumland sei und sie sich immer gewünscht hatte, Satteldecken und Schmuck für das Haupt von Elefanten zu sticken. Nicht aus Gründen des Verdienstes, nein, rein zur eigenen Selbstverwirklichung würde sie Marc bedingungslos auf seinem Siegeszug durch die Welt der gehobenen Teekultur begleiten.

Sie kann sich vorstellen, dass es marketingtechnisch ein geschickter Schachzug wäre, Marc´ s  Teebeutelkreationen auf dem Rücken eines festlich geschmückten Dickhäuters zu präsentieren. Ihre amerikanischen Landsleute würden mit Sicherheit darauf anspringen.

Marc philosophiert nach dieser Offenbarung seiner Angebeteten nun, dass Kettengastronomen wie „Coffee fellows“ oder „Starbucks Coffee“ sich ganz warm anziehen müssten, und zwar nicht nur, weil tiefster Winter im Lande eingekehrt ist, sondern weil es mit nicht umsonst BOSTON TEA PARTY heißt, welche diesen Staat schon einmal grundlegend verändert hat. Überhaupt könne man durch die Freundschaft mit Anthony gleichzeitig alle Register ziehen und es salonfähig machen, sowohl Kondome als auch indischen Tee weitgehend cool zu finden.

Dank Weihnachten können versteckte Träumereien zu ernsthaften Projekten werden. Diese Erfahrung von unendlichem Respekt untereinander, den man in dieser Form nie vermutet hatte, ist ein wahrhaft schöneres Geschenk als all die Päckchen aus dem Kaufhaus, die unter dem Baum liegen. Deshalb wünsche ich euch mit dieser Geschichte einen wunderschönen Heiligabend.

Hört denjenigen zu, die euch wichtig sind und schaut ihnen in die Augen. Ihr werdet erfahren, dass ihr selbst danach glücklich und zufrieden seid. Das Geheimnis der Weihnachtszeit ist nämlich Toleranz und Ehrlichkeit, zumal diese in der Geschichte der Menschheit im restlichen Jahr äußerst effektiv vermieden wird.

© Roman Reischl, 24.12.2012

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Dezember 24, 2012 von in Kurzgeschichten.

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