Roman Reischl Blog

Roman Reischl (Autor)

Der irre Igel

DER IRRE IGEL

Eine Kurzgeschichte in 5 Kapiteln

(c) Roman Reischl 2012


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1 – Von Kindes Beinen

Streitpunkte gibt es immer genug. Manche Menschen möchten sie dezimieren. Zu dieser Sorte zählt sich Aaron. Wahrscheinlich deswegen, weil er ungewollt immer wieder in Situationen geriet, die Ärger und Diskussionen geradezu heraufbeschworen. Dagegen anzukämpfen und ein wenig aus der Reihe zu fallen muss der junge Mann nicht mehr. Viel lieber erzählt er Geschichten aus dem alltäglichen Wahnsinn in zeitgenössischer, oft ironischer Manier.

Das könnte er garantiert nicht, wenn es nicht ab und an ordentlich Stress gegeben hätte. Ein Leben der Kontraste von damals bis heute. Ob das noch von gesunder Natur ist? Ja. Denn die ganze Scheiße dürfte dem ein oder anderen eventuell bekannt vorkommen. Wer Aaron´ s Leben als krank ansieht, müsste morgen die halbe Welt in eine psychiatrische Auffangstation schicken. Geht das? Natürlich nicht. Wo kämen wir denn dahin? Stimmt, in die Klapse.

Aaron wuchs auf dem Land auf, sehr grenznah. Nur wenige Schritte in den Wald und man befand sich schon auf österreichischem Gebiet.

Es war der Tag der heiligen Erstkommunion. Jeder Mitschüler war ebenso wie er katholisch getauft, ohne Ausnahme. So ist das in diesen Gegenden im tiefsten Oberbayern. Zum ersten Mal entwickelten sich erste Anzeichen von Komplexen bei Aaron. Die Kinder wurden beim Gang in die Kirche nach Körpergröße sortiert. Da er schon als Kind immer der Kleinste und Schmächtigste war, ging er vorweg.

Die Eltern der anderen Schüler waren größtenteils aus dem Ort stammend, seit Generationen. Aaron´ s Vater und Mutter stammten aus der Stadt. Sie hatten ein gemütliches Reihenhaus in der Siedlung durch die Bank finanziert. Doch die ruhige Nachbarschaft funktionierte nur mit wenigen Anwohnern. Spießiger als in diesem Kaff ging es kaum.

Aaron war jedoch sehr aufgeschlossen und äußerst kommunikativ. Schnell war er mit Kindern aus allen vier Ortsteilen befreundet. Sein Hauptanlaufpunkt war eine Ärztefamilie, die drei Geschwisterchen in seinem Alter hatte. Als Einzelkind fühlte er sich dort immer sehr wohl. Seine Mutter hatte zwei Jahre vor seiner Geburt einen Abgang. Fast gaben sie die Hoffnung schon auf, dass es doch noch einmal klappen würde.

Dass die Menschen in seiner Umgebung verdammte und verlogene Hinterwäldler waren, die ihn und seine Familie überall schlecht machten, wo es gerade nur ging, bemerkte der junge Aaron mit circa zehn Jahren. Der Gedanke an die konservative Cliquenwirtschaft verleiht ihm heute noch massiven Brechreiz.

„Ich möchte dieses Pack im Leben nicht mehr sehen“, sagt der heute 33 – Jährige.

Kein Wunder, diese arrogante Sippe hat sogar gemeine Lügen in der Kreisstadt über ihn verbreitet, als er dort Anschluss suchte. Sogar seine Kindheitsfreunde wandten sich auf Grund dessen von ihm ab. Heutzutage lacht Aaron über jeden Einzelnen dieser Primaten. Die Geschichte dieses Mannes ist daher eine gnadenlose Abrechnung mit jener inzüchtigen Bauernbrut.

Er labt mittlerweile längst in der Stadt, hat einen großen Freundeskreis und die Liebe seines Lebens gefunden. Teilweise hat er es allen gezeigt. Durch berufliche Auslandsaufenthalte spricht er zwei Fremdsprachen fließend. Weiterhin denkt er in einem anderen Stil. Für sein Alter hat er Lebenserfahrung und Menschenkenntnis wie nur wenige. Dennoch hat er seinen ironisch deutschen Humor behalten, als auch da vergangene Tage ein wenig an ihm zehren. Seine Träume bestätigen das des Öfteren.

Vielmehr als das geht es aber um ein Geheimnis, das keiner außer ihm kennt, weder seine Eltern noch sein restliches Umfeld.

Durch das kleine Dorf, in dem er aufwuchs, fließt ein kleiner Bach mit dunklem Flussbett. Aaron und seine Freunde spielten dort und in den Wäldern fast täglich. Als er einmal alleine dort herumstreifte, entdeckte er ein zugewachsenes Abflussrohr des Bächleins Neugierig entfernte er das wuchernde Unkraut und kroch hinein. Wenige Meter spürte er in diesem düsteren Kanal eine Anhäufung von Herbstlaub. Obwohl man sonst nichts sah, unter den Blättern funkelte es wie Diamanten.

Aaron beschloss, wieder hinaus zu kriechen und mit der Taschenlampe seines Vaters wiederzukommen. Der kleine Mann war völlig aufgeregt. Was würde er wohl dort finden? Er kehrte zurück, krabbelte erneut in den engen Tunnel und wühlte im Laubhaufen ferum.

Eine modrige, alte Lederrolle kam zum Vorschein. Gewöhnlich war diese aber ganz und gar nicht. Die glitzernden Steine, mit der sie bestückt war, leuchteten durch das Anleuchten mit der Lampe in vielen bunten Farben. Die Edelsteine waren in Form eines Igels angeordnet. Er suchte nun nach einem möglichen Inhalt. Tatsächlich war eine Schriftrolle in dem Täschchen. Aaron dachte, es ist besser, alles mit nach Hause zu nehmen, da es so feucht dort unten war. Zunächst wollte er niemandem von seinem Fund erzählen, höchstens seinem Opa irgendwann.

Zu Hause angekommen war die Enttäuschung groß Auf dem alten Pergament war lediglich ein Kreis abgebildet, der von drei Linien durchkreuzt wurde. Trotz allem bewahrte Aaron sein Fundstück sorgsam an einem aus seiner Sicht sicheren Ort auf. Am selben Abend musste er früh schlafen gehen. Obwohl er zu dieser Zeit noch in die Grundschule ging, sollten am Tag darauf die Halbjahresbenotungen herausgegeben werden. Eine entscheidende Phase für ihn, da es um den bevorstehenden Übertritt in die Hochschule ging. Seine Eltern wussten, dass es gar keine andere Möglichkeit für ihren einzigen Sohn gab als das neusprachliche Gymnasium. Zu gut waren seine bisherigen Leistungen.

Die Hänseleien im Dorf wurden schlimmer statt schwächer. Doch ein paar wirklich gute Freunde sind mehr wert als viele schlechte.

2 – Gymnastisches Streben
Durch die Tatsache, dass die neue Schule in der Stadt war, begann Aaron, ein bisschen selbstbewusster zu werden. Seine Kreise erweiterten sich. Viele seiner Leute machten sich nun gemeinsam mit ihm über die Jungen aus seinem Vorort lustig. Das gefiel ihm natürlich. Die Schulnoten der ersten beiden Jahre auf dem Gymnasium konnten sich sehen lassen. Man musste lediglich hinnehmen, dass in dieser Schule bereits in diesem Jahrgang ein Gruppenzwang im Bezug auf Klamotten entstand. Glücklicherweise stand ein Opa bereit, der wirklich alles für seinen Enkel tat. Zeitweise war das aber auch zuviel des Guten – Aaron´ s Mutter kämpfte oft machtlos dagegen an. Sie wollte einfach nur das Beste für die Familie.

Mit dreizehn Jahren verliebte sich der Junge das erste Mal. Das Mädchen war seit der siebten Klasse zu seinem Bildungszweig gestoßen. Ihre unbekümmerte Art verzauberte den extrem schüchternen Aaron. Als er dann begann, ins Jugendzentrum zu gehen. Taute er glücklicherweise immer mehr auf.

Die Vielfalt der Jugendkulturen in den neunziger Jahren faszinierten ihn. Fleißig las er jede Woche die „Bravo“. Bis auf die musikalische Ausrichtung kam er mit seinem eigenen Style aber noch nicht so ganz zu Recht. Andauernd fühlte er sich zu dünn. Oft trug er sogar im Sommer zwei Hosen übereinander, damit die knochigen Knie nicht so zur Geltung kamen. Nichtsdestotrotz interessierten sich nach und nach die Mädchen für ihn, ob aus der Klasse oder in der Diskothek. Er war etwas feinfühliger und zarter als die anderen Kerle, das kam an.

Aaron gewann zunehmend an Attraktivität. Seine Leistungen in der Schule ließen im Gegensatz dazu nach. Er wurde faul, machte seine Hausaufgaben nur selten und fiel in dieser pubertären Phase ein Jahr zurück. Im Wiederholungsjahr kam es in den naturwissenschaftlichen Fächern zu keinen wesentlich besseren Ergebnissen kam, musste er in die Mittelschule wechseln. Die reine Knabenschule wurde zum notwendigen Übel. Aaron bemühte sich um einen externen, qualifizierenden Hauptschulabschluss, um etwas in der Hand zu haben für die kommende Berufsausbildung. Die Schriften des Igels hatte er noch immer nicht entschlüsselt, doch er hielt seinen Fund eisern geheim.

3 – Faule Stricke

Eine Schule der Schläger erwartete Aaron. Wie ein roter Faden zog sich das schulische Versagen durch all diese Jahre. Auch in der Freizeit musste er erneut gehörig einstecken. Trotzdem wurde er rebellisch, vor allem gegenüber Lehrern. Er teilte seine Antichristlichkeit im Religionsunterricht und hatte nebenbei das erste Mal Sex. Auf einer Privatparty stellte er fest, wie eng ein Mädchen sein kann, es tat beiden weh. Das Mädchen war aber schwer in ihn verliebt und die Beziehung hielt ziemlich lange für das junge Alter der beiden.
Nach Beendigung dieser rollte sich Aaron zunächst nicht ein.

„Jetzt erst recht“, gaben seine Gedanken wider. Er stand kurz vor der Führerscheinprüfung, die er in allen Belangen problemlos über die Bühne brachte. Kurz darauf beschlossen er und seine Eltern, ihn auf die Hotelfachschule zu schicken. Welch anderer Beruf würde dem Sprachbegabten mehr zu Gesichte zu stehen als der Tourismus, der ihm den späteren Gang ins Ausland ermöglichte. Faulheit gab es zuweilen keine mehr. Es wurde hart gearbeitet und studiert.

4 – Disco Power
Die Lederrolle, mit Diamanten besetzt, lag nach wie vor in Aarons Versteck. Er hatte durch seine Eltern und Großeltern sein erstes Leasing Auto finanziert bekommen. Von seinen Freunden war er der erste mit diesem Privileg. Jedes Wochenende wurden weite Strecken gefahren, um Musik zu hören, die nicht in den Charts läuft und extravagant abgestimmt ist. Aaron interessierte sich von jeher mehr für den Menschen hinter dem Mischpult als für die tanzende Menge. Schließlich hat er drei Instrumente erlernt und war nicht nur musikbegeistert, sondern ein Freak auf diesem Gebiet.

Teilweise wurden Fahrten ins 160 km entfernte München unternommen, nur um spezielle Deejays und Acts zu erleben. Aaron´ s Glück war, dass er ein vorsichtiger, ja fast ängstlicher Mensch ist. Er hatte so viel Angst vor Drogen, dass er sie einfach aus Prinzip nicht nahm. Angeboten wurden sie vor jeder Haustür der Clubs im damaligen Kunstpark Ost. Zu diesen Zeiten lernte der Junge viele Leute kennen. Er konsumierte Frauen. Sein Klamottenstil war mehr als außergewöhnlich und der Alkohol erledigte den Rest.

Es war Zeit für ihn, nun zu Hause auszuziehen, doch als Einzelkind seine Eltern zu verlassen ist nicht einfach.

5 – Der Nomade
Aaron beendete die Hotelfachschule erfolgreich. Tür und Tor standen ihm offen. Die große weite Welt. Nach seiner Ausbildung im Heimatlandkreis begann der Zivildienst in einem der größten Pflegeheime Münchens. Er musste sich teilweise einigeln, um nicht alles an sich heran zu lassen. Eine Endstation alter Menschen bedarf starker Psyche. Die hatte Aaron jedoch, er strotzte nur so vor Selbstvertrauen und Lebenslust.

Mit der Zeit hat er auch den Code des Igels richtig gedeutet. Sein Leben hat drei Wege parallel eingeschlagen und die Zeichnung auf dem alten Schriftstück war ein Hinweis, dass es gut ist, flexibel zu sein, weltoffen und dennoch Vertrautes zu schätzen. Der Junge kam in der Zwischenzeit viel herum. Der erste Weg war, vieles auszuhalten und es trotzdem allen beweisen zu können, dass er überall zu recht kommt, ob hier oder da. Der zweite, damit fertig zu werden, dass ihn vergangene Dinge immer wieder einholen und es mit Erfahrungen aufzuarbeiten. Dritter Teil seines Lebens ist die Liebe, nach der er lange hat suchen müssen. Doch auf die Zeit kommt es nicht an, sondern die Intensität. Nicht alle Menschen können behaupten, die wahre Liebe des Lebens gefunden zu haben, seelenverwandt zu sein, spüren zu können, was der andere möchte. Aaron und sein Mädchen sind wie geschaffen füreinander. Vermutlich ist er der irre Igel, der sich ab und an einrollt, seine Frau hingegen der Laubhaufen, indem er Schutz findet und Geborgenheit. Dieses Laub hat den Weltenbummler heimatverbunden und bodenständig gemacht. Mit dieser Tatsache im Hintergrund fühlt er sich sehr wohl. Es gibt nichts Schöneres, als zu wissen, dass man geliebt wird und mit allen Sorgen, Ängsten und Gefühlen ein sicheres Zuhause hat.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am November 27, 2012 von in Kurzgeschichten.

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