Roman Reischl Blog

Roman Reischl (Autor)

Lieder

Lieder

 

 

Leonardo wollte nie so reden wie seine Eltern. Nun tut er es doch. Neulich hielt er sein erstes Stofftier in Händen. Er hat es nach über 20 Jahren im Keller der Eltern gefunden. In ihm befindet sich eine Spieluhr. Er stellte fest, wie stark ihn Musik von der Geburt an begleitet hatte. Leonardo hasst die Lieder von heute, die Castingshows, das Zusammenwürfeln von Antimusikern. Am Schlimmsten findet er den Hype um optische Erscheinung und Abstimmungen, die sich meist auf das Äußere beschränken.

Er weiß aber auch noch, wie sich seine Mutter die Ohren zuhielt, als in seinem Kinderzimmer das erste Mal AC/DC Platten liefen. Sie war damals ernsthaft am Überlegen, einen Übersetzer zu bestellen, nachdem sie die Coverbilder von Iron Maiden erblickte.

Nun versteht Leonardo den Wandel der Musikgeschichte selbst nicht mehr. Am Lagerfeuer des Flusses spielt sein Kopf eben immer noch „Patience“ von Guns n´ Roses, bei den Liedern von ZZ Top fallen ihm selbstgebastelte Bärte aus Zeitungspapier ein.

Er sieht ein Schlagzeug aus Pappkarton und hölzerne Kochlöffel als Mikrofon, während im Hintergrund „Runaway“ von Bon Jovi läuft. Nirvana und Pearl Jam nehmen ihren Platz ein im Walkman im Schulbus vor jeder wichtigen Schulaufgabe. Leonardo findet es schade, dass Kinder in jenem Alter nun Alkohol trinken statt Hausaufgaben zu machen.

Der Mainstream besteht für ihn nur noch aus heulenden Soulpuppen und aufbereiteten Stimmen. Im Underground kann er längst nicht mehr mitreden. Psycho Horrorcore Rap, Drogen- und Gewaltverherrlichung, Musik von rechts und verspultes Elektro ohne Hooklines haben alles andere verdrängt. Johannes Heil, Sven Väth und Richie Hawtin gelten als Old School, 50 Cent, Eminem und Paul Kalkbrenner verfilmen ihre kaputte Vergangenheit und Dieter Bohlen hat mehr Zuschauer als Thomas Gottschalk, indem er zuerst Menschen veräppelt und vereinzelte Minderjährige mit Druck vom Sender zu „Stars“ ernennt.

Viele Zuschauer träumen auch davon und haben keinerlei Interesse mehr an einer Lehre. Leonardo ist froh, dass er über 30 ist. Somit bleibt er der „Man in the Mirror“.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am April 19, 2012 von in Kurzgeschichten.

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