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Roman Reischl (Autor)

Klassensprecherversammlung

Klassensprecherversammlung

 

Auf der Gesamtschule Stuttgart – Degerloch findet gerade in diesem Augenblick eine Klassensprecherversammlung, geleitet von Herrn Ernst, dem Direktor statt. Hören wir doch einmal ein bisschen hinein:

Der Sprecher der Klasse 6A meldet sich zu Wort:

„Unser Problem ist, das wir zu wenig Mädchen in der Klasse haben, das ist schlecht aufgeteilt. Außerdem bin ich von den Jungs der einzige Deutsche. Ich muss mir oft Sachen anhören, die mich und meine Familie verletzen.

Der Vertreter der Klasse 9C hebt den Finger:

„Der Gruppenzwang bei uns ist so schlimm. Wer bei Klamotten und MP3 Playern nicht up to date ist, wird schlichtweg ignoriert oder gehänselt. Der Unterricht findet fast kein Gehör, viele spielen Nintendo DS.“

Direktor ernst äußerte sich folgendermaßen:

„Ich sehe die Stunden nicht, betrachte es von außen. Meine Lehrer klagen, nur noch ungern zur Arbeit zu kommen. Wir haben, um ehrlich zu sein, den Pausenhof auch nicht mehr unter Kontrolle. Wir planen gezwungener Maßen, am Morgen Waffen- und Alkohol Stichproben durchzuführen.“

Der Innenhof dieser Schule glich in der Tat zu Pausenzeiten mehr einem Knast. Elternsprechtage fielen ins Wasser, da viele Eltern keinerlei Interesse an den Leistungen ihrer eigenen Kinder hatten, da sie selbst von Stütze durch den Staat leben.

Der Direktor verfolgte immer mehr die politischen Entscheidungen und Veränderungen des deutschen Schulsystems. Er war ein Pädagoge mit Leib und Seele. Es kam ihm so vor, als laufe er gegen eine Wand, die unüberwindbar zu sein schien.

Eines Tages kam ihm die Idee, eine Vision: Ein neues Schulfach „Medien“. Aufklärung über Meinungsmache, Werbung und den gefestigten Umgang damit. Sein Antrag wurde zur Kenntnis genommen, aber abgelehnt. War er doch immer nur ein kleiner Mann an der Front, im wahrsten Sinne des Wortes, denn es herrscht Krieg an deutschen Schulen.

Er kommt bei dieser Versammlung letztendlich noch zum Punkt:

„Sagt euren Klassenkameraden, sie sollen nach der Schule nicht an der Bushaltestelle Alkohol konsumieren. Sagt ihnen, dass eine Ausbildung Zukunft schafft und dass nicht jeder bei DSDS und Heidi Klum ein Superstar werden kann. Die Klappe soll ihnen herunterfallen wie ihr Klappmesser.“

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am März 24, 2012 von in Kurzgeschichten.

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