Roman Reischl Blog

Roman Reischl (Autor)

Schande

Schande

 

 

 

Neulich klingelte es bei Frau Schmied um eine Uhrzeit, die sie nicht gewohnt war. Seit Langem mietet die alte, fast 90 – jährige Dame bei der Rosenheimer Wohnbau Gesellschaft ihr großzügiges Appartement.

 

Ein junger Mann stand vor der Türe mit der Behauptung, von dieser Gesellschaft zu sein. 2000 Euro in bar forderte er ein. Frau Schmied ist für ihr Alter noch sehr klar im Kopf. Sie bekam Angst, als sie der Besucher in den Flur drängte und massiv aufforderte, Rückstände für Nebenkosten sofort zu bezahlen. Sie glaubte ihm kein Wort. Um diese Zeit werden keine Forderungen in bar verlangt. Dennoch folgte sie dem Mann hinunter zu dessen Auto, um in die versprochenen Unterlagen einsehen zu können.

 

Dieser Kerl hatte recherchiert. Er wusste von den Arbeitsplätzen der Kinder und Enkel von Frau Schmied. Das machte ihn einigermaßen glaubhaft. Eine geschlagene Stunde lenkte der Betrüger die alte Frau ab. Er verabschiedete sich höflich. Nach dem Betreten der Wohnung sah Frau Schmied zu ihrem Entsetzen, dass diese bis auf die Möbel komplett leer geräumt wurde.

 

Komplizen hatten im Treppenhaus ausgeharrt, um dann in ihrer Abwesenheit zu stöbern. Solche Banden sind längst kein Einzelfall mehr. Gezielt schulen sie sich über die Lebensumstände ihrer potenziellen Opfer. Alte Menschen werden nicht nur bei Kaffeefahrten abgezockt. Zu Hause, wo sie sich am Sichersten fühlen, lauern die Teufel einer neuen Generation der Kriminalität mit Methoden, die an Dreistigkeit nicht mehr zu übertreffen sind.

 

Frau Schmied hat Anzeige gegen Anonym erstattet, eine Personenbeschreibung fällt ihr auf Grund ihres Sehens schwer. Viele im Gegensatz zu ihr senile Menschen werden ebenfalls in ihren eigenen vier Wänden über den Tisch gezogen. Wie ein Konzept erstreckt sich das Drama über die gesamte Republik.

 

Weniger Respekt voreinander ist allgemein ein Gesellschaftsproblem. Doch exakt diese Generation auf Grund des Alters auszunutzen und zu überfallen, die dieses Land wieder aufgebaut hat und durch den Krieg schon um ihre Jugend betrogen wurde, ist eine Schande ohne Grenzen.

 

Lieber sollen Kriminelle abgeschoben werden als unsere Großmütter ins Altersheim.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am März 2, 2012 von in Kurzgeschichten.

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