Roman Reischl Blog

Roman Reischl (Autor)

Der Unfall

Der Unfall

 

 

Wer fährt so spät noch durch Nacht und Wind? Es ist Manuel, der für eine Spedition arbeitet. Diesmal ist er in Südfrankreich unterwegs. Noch am Tag zuvor war er bei der Geburt seiner Tochter Lea gewesen. Nicht, dass er selten übermüdet seinen Dienst antrat – das geschah oft genug berufsbedingt. An jenem Abend war er besonders geschafft. Hatte er doch schon fast 1000 km zurückgelegt, es war immer noch kein Ende in Sicht.

An einer der zahlreichen Mautstationen orderte er nun zum vierten Mal einen doppelten Espresso. Ein junger Mann, keine 30 Jahre alt, kam auf ihn zu, um ihn zu fragen, ob er ein Stückchen mitfahren dürfe. Nach Marseille wollte er. Manuel´ s Route ging durch die Provence bis nach Cannes, insofern sah er kein Problem darin. Sein Fahrgast gab sich als Journalist aus Belgien aus.

„Ich heiße René und stamme aus Lüttich“, erzählte er.

Sein französisch klang tatsächlich etwas flämisch. Manuel hatte sich durch seine Fahrten durch halb Europa Grundkenntnisse in verschiedenen Sprachen angeeignet.

Wieder auf der Autobahn angelangt, begann sich trotz der Uhrzeit der Verkehr zu stauen. Der Grund war ein Unfall auf der Gegenspur, der an Heftigkeit nicht zu überbieten war. Ein LKW war über die Leitplanke in den Gegenverkehr geschossen. In Richtung Cote d` Azur wurden fünf Fahrzeuge förmlich zerquetscht.

In den Autos befanden sich drei Familien und zwei junge Ehepaare. Der Lenker des Lastfahrzeuges war am Steuer eingeschlafen. Manuel und René sahen die Einsatzkräfte mit Blinklicht.

„René blickte zu ihm herüber“:

„Du hast bestimmt Familie.“

„Ja“, entgegnete ihm Manuel.

„Deshalb kündige ich morgen. Der Druck wird nicht das Leben des Vaters meiner Tochter aufs Spiel setzen.“

René verriet ihm daraufhin, dass er kein belgischer Pressemann ist. Er wollte Manuel´ s Fahrzeit verzögern. Danach stieg er wortlos aus dem Führerhaus. Jedoch vergaß er seinen Filzhut und den Schal.

Eine Woche später kam Manuel zu Hause an. Gelöst und glücklich nahm er seine Frau und das Neugeborene in den Arm.

Aus seiner schweren schwarzen Ledertasche spitzten die Utensilien des bizarren Mitfahrers.

„Wo hast du Großvaters Mütze und Schal gefunden, Schatz? Mama und ich suchten lange danach, nachdem er verstarb. Nicht einmal im Sommer ging er ohne das aus dem Haus. Wir durchsuchten die ganze Wohnung.“

Manche Menschen hinterlassen Markenzeichen für die Ewigkeit. Manchmal dauert die Ewigkeit nur wenige Sekunden.

„Ich glaube an Schutzengel, besser gesagt an Erbgut und Halt, besonders durch die, die von uns gegangen sind“, krächzte Manuel´ s Oma aus dem Hintergrund, bevor die Tagesschau begann.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Februar 1, 2012 von in Kurzgeschichten.

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