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Roman Reischl (Autor)

Gladiatoren

Gladiatoren

Autor: Roman Reischl

Die Sonne stand bereits tief über den Südhängen der Weinberge. Auch dieser Arbeitstag war für das Bruderpaar Felix und Albert von gewohnter Härte. Seit der Verschleppung und Versklavung durch römische Heere versuchten die beiden aus Trotz neuen Ergeiz zu entwickeln. Felix war fest davon überzeugt, eines Tages als freier Mann in sein Germanisches Dorf zurückkehren zu können. Oft träumte er von Ruhm und Ehre in der bisweilen fremden Welt. An den lauen Sommerabenden lag er schon aus Gewohnheit auf der Pritsche vor den Baracken und dachte nach. Einige seiner Mitgefangenen hatten ihm erzählt, dass mit Mut und Kampfgeist selbst für Leute wie sie etwas Großes möglich sei. Eine Karriere als Held.

„Das Kolosseum in Rom ist der Schauplatz der Giganten!“,

verriet ihm ein junger und kräftig gebauter Leidensgenosse.

„Doch zuvor muss es dir gelingen, hier auszubrechen und ohne viel Aufsehen zu erregen vor die Tore der mächtigen Stadt zu gelangen. Bist du erst einmal dort, wirst du in der Masse verschwinden. Du wirst untertauchen und dich vorbereiten können.“

Felix Augen begannen zu leuchten. Sein geliebter Bruder sah das eher nüchtern. Manchmal konnte man glauben, jener hatte sich seinem Schicksal längst ergeben.

Zwei Nächte später kam die Gunst der Stunde. Der Gefangene nutzte sie und flüchtete mit dem Gewand eines Wächters einstweilen in die Wälder. Der nachsichtige Legionär hatte seine Kleidung zuvor auf der Terrasse abgelegt. Felix marschierte drei Tage durch die Gluthitze, ehe er an den ersten Siedlungen Roms ankam.

Wochen und Monate verstrichen. Der Germane vermisste seinen Bruder ebenso stark wie seine Heimat. Endlich nun konnte er sich jedoch in den Gassen blicken lassen. Eine großzügige Dienstmagd eines Stadthalters hatte ihn heimlich bei sich aufgenommen. Sie gab an, er sei ein entfernter Cousin aus dem Norden. Durch sein verwahrlostes Aussehen bei der Ankunft in Rom, aber auch das symphatische Wesen erfüllte sie mit Mitleid. Im Gegenzug half Felix ihr bei jeder Gelegenheit im Haushalt.

In der Promenadenstraße vor dem Kolosseum herrschte stets reger Handel. Jedoch hatte die Magd herausgefunden, dass dort unter dem Ladentisch Gladiatorenkämpfe und Kampftraining ausgemacht wurden.

Felix hatte seit seiner Zeit in Rom ärmlich gelebt und nun genug Münzen beisammen. Schon eine Woche später sollte er an einem Feld abseits der Arena gegen Sklaven der Bäderbetreiber mit dem Messer antreten.

Der groß gewachsene Deutsche war zudem sehr geschickt und ließ seinen Gegnern keine Chance. Doch nach jedem Niederstrecken der Männer überfiel in Wehmut. Würden seine Eltern und Verwandten weitere Angriffe der Römer überstanden haben? Nun wollte er erst Recht seinen kleinen Status ausbauen.

Der Tag nahte, an dem der Lehrmeister der kleinen Gladiatorengruppe den ersten Schaukampf vor Publikum ansetzte.

Voller Anspannung streifte sich der blonde Kämpfer durch sein dichtes Haar. Durch die Katakomben des Kolosseums hallte das Echo der Audienz Tausender besessener Römer. Die Ausbilder des Todes stachelten ihre Krieger zusätzlich an. Mit einer dreisten Lüge behaupteten sie, der Kaiser persönlich wäre anwesend. Tatsache jedoch was, dass zahlreiche Feldherren an jenem Abend gekommen waren. Ziel was es, Schildsoldaten für die Front auszuwählen. Es fiel nicht sonderlich schwer, einfach die Überlebenden aus dem aufgewirbelten Sand der Arena in die Armee zu berufen. Auch Felix rechnete sich aus, durch den Schritt ins Heer zu mehr Sold zu kommen. Vielmehr jedoch spekulierte er darauf, nach Germanien geschickt zu werden.

Das eiserne Gitter als Zugang ins Herz Roms ächzte. Behäbig und langsam öffnete sich das Tor. Davor lag ein meterlanger Tunnel. Felix stand in der zweiten Gruppe und musste warten. Er spürte seinen Herzschlag, ohne seine feuchten Hände auf die Brust zu legen. Das Blutvergießen als Unterhaltungsprogramm begann, Die Todesschreie der Unterlegenen gingen in der johlenden Menge schlichtweg unter. Neben dem tapferen Arier stand Toba, ein afrikanischer Sklave. Dieser trat die Ausbildung am gleichen Tag an wie Felix.

„Ich kann dich nicht töten, Freund!“

Eine Träne perlte zusammen mit Angstschweiß auf seiner schwarzen Haut.

Felix legte den Arm um Tobas Schulter.

„Töte mich, wenn du überleben willst, Junge!“

Sie küssten sich gegenseitig auf die Stirn.

Währenddessen lief der Sieger des ersten Durchgangs durch das Rondell und winkte voller Freude zu den Ehrenrängen. Die ersten Gladiatoren der Riege Felix wurden aufs Feld gelassen.

Die beiden Freunde harrten kurz aus. Plötzlich: ein Sekundenbruchteil. Die Decke des Tunnels sauste vor ihren Augen vorbei. Sie fielen. Felix und Toba glitten auf dem Rücken in die Tiefe. Ein dumpfer Schlag. Dunkelheit. Es herrschte absolute Stille. Nach etwa fünfzehn Minuten wachten die Todesmutigen auf.

Ein schimmerndes Licht gab so viel Preis, um zu erkennen, dass man in einem von mehreren unterirdischen Gängen gelandet war. Die Wände waren feucht. Toba stöhnte. Auch Felix wirkte noch benommen:

„Wir sind durch eine Falltür in einen Tunnel unterhalb des Kolosseums gerutscht.“

Langsam gewöhnten sich auch die Augen beider an das schwache Licht. Nun zeichneten sich seltsame Skulpturen und Einzeichnungen in den Mauern ab.

Eine Reiterfigur zeigte mit ausgestrecktem Finger in Richtung der Lichtquelle am Ende des verzweigten Labyrinths. Die Gladiatoren schlichen langsam durch den Untergrund. Ein leichter Hall der Zuschauer weit über ihnen zog mit dem Wind durch das Gewölbe.

„Sieh mal, Toba. Hier geht es nochmals nach unten. Ein weiterer, scheinbar mit Fackeln ausgeleuchteter Schacht!“

Neugierig stiegen die Kämpfer in die Tiefe.

Toba und Felix bogen um die Ecke. Sie erblickten eine Nische. Hinter dem staubigen Vorraum kam der Paukenschlag. Nicht nur der Anblick des prunkvollen Raums war einer, man konnte ebenso den Trommeln des Gladiatorenfinales lauschen. Es wurde zunächst schlagartig leise. Die zwei erretteten Sklaven sahen einen riesigen Schrein vor sich, der neben den lodernden Flammen in diesem Saal an Einzigartigkeit wohl kaum zu überbieten war.

„Das ist…. Das ist ein Wolf, nicht wahr, Felix? Ein vergoldetes und mit Diamanten besetztes Abbild eines Wolfes.“

Dem Germanen stockte der Atem. Seine Antwort blieb aus.

„Das habt ihr beiden ganz richtig erkannt!“

Felix blickte nach links. Ein junger Mann in einer Toga saß im Schatten des übergroßen Schreins und lächelte ihn an.

„Der Wolf ist das Zeichen von Stärke und zugleich Fürsorglichkeit für sein Rudel.“

Toba blickte nach rechts. Vom Aussehen her wie ein eineiiger Zwilling grüßte ihn ein weiterer Jüngling.

„Was ist das hier?“,

erkundigte sich Felix und griff nervös an den Ellenbogen seines Freundes.

„Eure Rettung wie die unsere“,lachten die Brüder wie aus einem Mund.

Romulus und Remus, so behaupteten sie zu heißen, begannen zu erzählen.

Sie nannten das Tor die Arena das Tor zum Tod. Weiterhin aber auch die Tür zu ihnen, Sie, die in größter Bedrohung Rettung bei einer Wölfin fanden. Sie, die aus tiefster Armut die Chance bekamen, eine Stadt zu gründen.

„Ihr seid Freunde, ihr wollt euch nicht töten. Ihr seid wie Brüder, wie wir. Obwohl ihr verschiedener Hautfarbe seid. Geht nach Hause zu eurem Rudel. Wir bleiben hier untern. Mehr können wir nicht tun in unserer Stadt. Hier leben sehr viele Menschen, leider nur sehr wenige Brüder.

Doch wenn sie kommen, werden wir sie hören. Immer dann, wenn sie aus Verzweiflung durch das Tor schreiten.“

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am November 2, 2011 von in Kurzgeschichten.

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