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Roman Reischl (Autor)

Diebe

Diebe

 

Autor: Roman Reischl

 KURZGESCHICHTE

 

Schon immer hatte mich die Taschenuhr meines Großvaters interessiert. Sorgfältig legte er sie jeden Abend neben sein Bett auf den Nachttisch, um am Morgen darauf zu sehen und sie wieder in seine Stoffhose mit der messerscharfen Bügelfalte zu stecken. Diese Uhr zeigte nicht nur die Zeit an. Vielmehr war sie ein Symbol der Zeit, die meinen Großeltern vor vielen Jahren verloren gegangen war.

So behutsam wie mit der Uhr ging er mit allen Gegenständen in seinem Haushalt um. Auch würde es niemals passieren, dass er sein Abendgebet im Angesicht des Hausberges vergäße, geschweige denn dass Großmutter keine klare Brühe vor dem eigentlichen Essen servierte. Vom Süppchen bis zum Beschriften der modernen Videokassetten mit der Schreibmaschine pflegte dieser Mann seine Rituale.

Ich erinnere mich an den Tag am Alpensee, als meine Eltern auf Grund einer Streiterei bereits das Weite gesucht hatten. Nicht einmal die pralle Augustsonne konnte mich aus dem Mittagschlaf reißen. Behutsam strich mir mein Opa über meine Haare:

„Du bekommst so noch einen Sonnenbrand! Krem dich ein, mein Junge und freu dich beim Baden über das wunderschöne Wetter.“

„Warum soll ich mich über das Wetter freuen? Es ist Sommer, Opa. Habt ihr die Luftmatratze schon aufgepumpt?“, fragte ich ihn und bin mir erst jetzt bewusst darüber, dass für mich Selbstverständliches in gewissen Tagen in der Vergangenheit eben nicht gegeben war.

Ich war damals bereits ein einem Alter, Dinge zu verstehen und aufzunehmen. Somit begann mein Großvater mir zu erzählen, dass er vier Jahre lang in einem Gefangenenlager in Sibirien festgehalten wurde. Seiner bescheidenen Meinung auch nicht zu Unrecht, schließlich seien es seine Leute gewesen, die zum Angriff geblasen hatten. Die Eiseskälte machte ein Stück Brot von einem Soldaten seiner Riege zum wohl schönsten Geburtstagsgeschenk seines Lebens. Von da ab habe er alles im Leben, was Besonders ist, mit ganz anderen Augen gesehen und geschätzt.

Wir mieteten ein Tretboot an. Es war rot-weiß und erlaubte mir das erste Mal im Leben, ein Fahrzeug zu lenken. Bereits nach einer halben Stunde überkam mich die Müdigkeit. Es schwankte noch, ich schwankte noch und versank in den Erzählungen meines Opas, kurz vor dem Einschlafen sausten noch Wortfetzen um meine Ohren, die das abrupte „Nachhausefahren“ meiner Eltern erläutern sollten.

Doch es wurde stürmisch an der Nordküste der Normandie in Frankreich. Wir verschanzten uns auf Grunde des heftigen Regens in den Baracken vor den Siedlungen an den Klippen. Heulende Sirenen begleiteten die Scheinwerfer der gleich anlegenden Schiffe. Jemand forderte uns nervös gestikulierend auf, aus den Hütten zu stürmen und bewaffnet an die Front zu gehen und die Artillerie zu unterstützen, auch wenn man nur als Sanitäter abgestellt war. Die Dunkelheit wurde von dichtem und zähem Nebel begleitet. Das salzige Meer war zu riechen. Die Schmerzensschreie meiner verwundeten Freunde vermischten sich mit Jammern einer Einheit, die hier nie sein durfte:

„Ich will mich nicht verteidigen! Ich will doch auch gar nicht angreifen!“, rief ein Scherge der Front. Als sich die Gischt der anspülenden Wellen blutrot färbte und ein erwachsener, von einer Granate verwundeter und verstümmelter Mann nach seiner Mama rief, musste ich mich übergeben und heulte los wie ein kleines Kind. Instinktiv lief ich weg so schnell ich nur konnte und versteckte mich im Gestrüpp. Ich stellte mich tot, mein Überlebensdrang war stärker als jede Hilfsbereitschaft. Das Beobachten des Szenarios ersparte ich mir. Denn wenige Sekunden später kauerten wir in der Steppe, bekleidet mit den dicksten Tierfellen, die man sich nur vorstellen kann. Die Magd schien uns Befehle zu geben. Ich konnte ihre Sprache nicht verstehen. Ich fing an zu graben. Die Schaufel verriet mir, dass nichts zu holen war, ich sollte nur bestraft werden.

Als die bitterkalte Nacht über das Bettenlager hereinbrach, warf uns eine russische Frau die wohl letzten Filzdecken in die Kammer, die in Russland aufzutreiben waren. Mein bester Freund Paul überlebte diese Nacht nicht. Ausgetauscht hatte er seine letzte Ration gegen einige wenige Zigaretten.

Ich begann zu schwanken, mein Inneres neigte sich nach rechts und nach links. Die Sonne ging langsam unter.

„Papa!“

„Ja, Junge, ich bin wieder da, wach auf. Deine Mutter und ich haben sich wieder vertragen. Sei uns nicht böse. Heute Abend kommt ein toller Film im Fernsehen. Opa haben wir schon nach Hause gebracht. Ihr habt ja eine tolle Bootsfahrt gemacht.“

Am Seeufer hatten sich für unsere Region traditionelle Musikanten versammelt. Meine Eltern waren von jeher begeistert von selbigen. Ein mit viel Liebe geschmücktes Festzelt vertrieb die Dämmerung und schunkelte feucht fröhlich in die laue Sommernacht. Die Kinder spielten befreit auf den Sandbänken, einige Besucher zündeten Fackeln und Lampions neben den Bäumen an. Eine traumhafte Kulisse vor allem für Kinder und Jugendliche neben diesem Bergmassiv. Nicht im Leben sollte man so etwas verpasst haben.

Durch meine Nachbarschaft im Ort gesellte ich mich zu den Jungen und Mädchen, die ich kannte. Viele von ihnen hatten immer spannende und ereignisreiche Tage hinter sich. Vor allem Bernd, der jedes Jahr das Skirennen der Grundschule gewann und dessen Vater das sportlichste Auto aller Väter unserer Klasse fuhr.

Dennoch wurde mir die Geselligkeit zu öde und auch mit meinen zehn Jahren stand mir jetzt der Sinn nach etwas Grundlegenderem. Hatte ich an diesem Tag nur geträumt oder etwas sehr Wichtiges verstanden? Mit Gewissheit liebte ich alles, was mir passierte.

„Ich möchte zu meinem Opa!“, rief ich.

„Ich habe doch so viele Geschichten von ihm erzählt bekommen. Jetzt muss ich ihn auch dazu einmal etwas fragen.“

Meine Mutter willigte lächelnd ein und legte meinem Vater zärtlich die Hand auf die Schulter.

„Lass ihn zu ihm.“

Nach einer unspektakulären Autofahrt betrat ich die Wohnung meiner Großeltern. Sie waren beide noch wach. Noch etwa zwei Stunden lang durfte ich teilhaben an der Geschichte einer Generation, die es möglich gemacht hat, dass sich zumindest mein Land, in dem ich heute lebe, zum Guten entwickelt hat.

„Otherwise your father wouldn´t ride such a beautiful car!“, fügte der alte Mann seinen Ausführungen lächelnd an und betonte, dass er der englischen Sprache immerhin mächtig sei, auch wenn anno dazumal auf andere Qualitäten wert gelegt wurde.

Mein Opa sah danach zunächst auf seine Taschenuhr, legte sie beiseite neben sein Kopfkissen und sagte:

„Lass uns keine Zeit verschwenden, Bub. Legen wir uns hin. Ich will morgen rechtzeitig aufstehen. Ich möchte morgen noch etwas erleben. Das Wetter ist derzeit immer so schön. Ich lass mir die Zeit nicht mehr stehlen. Die Diebe haben ausgedient.“

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Oktober 31, 2011 von in Kurzgeschichten.

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