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Roman Reischl (Autor)

Engelszungen

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Dialog zum Thema „Das Erbe der Eltern“

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„Er wird morgen 50 Jahre alt, Schatz!“, verriet Peter seiner Frau, während beide wie üblich den Abend auf ihrem Balkon verbrachten.

„Als wenn du mir das sagen müsstest. Ich bin seine Mutter. Es wird ein toller Tag für ihn morgen. Sogar Anfang März blühen dieses Jahr schon die Schlüsselblumen. Weißt du, was er von dir hat? Seine Freunde aus der Schulzeit kommen sogar jetzt noch zu seinem Ehrentag zusammen, obwohl er schon seit so langer Zeit nicht mehr im Landkreis lebt.“

„Er hat auch was von dir, Lisa. Er hätte das Geld längst in Norwegen und der Schweiz anlegen sollen, so wie ich es immer gesagt habe. Nein, stur wie du muss bei ihm alles sofort greifbar in der Nähe sein.“

„Jetzt stichelst du schon wieder! Lass ihn doch. Seine Frau hat schließlich auch ein Wörtchen mitzureden. Sei nicht so hart zu ihm.“

„Ich bin absolut stolz auf ihn, das weißt du. Ich würde ihm halt dennoch gerne manchmal den ein oder anderen Tipp geben, wenn ich nur könnte…“

„Er braucht keine Tipps. Schau mal runter. Gerade kommt er aus der Arbeit nach Hause. So stürmisch wurdest du von mir nicht empfangen.“

„Hast du nicht gemacht, stimmt. So sind sie eben, die jungen Menschen. Aber sein Frühstück lässt er fast jeden Morgen ausfallen. Absolut nicht gut, man muss doch etwas im Magen haben in aller Frühe.“

„Reg dich nicht auf. Als er vor zwei Wochen beim Arzt war, war alles in bester Ordnung. Und seiner Isabel geht es auch blendend. Kuck mal, Amélie ist mit der Arbeitserprobung fertig! Wie sie ihre Eltern anstrahlt. Sie war schon als Kind zum Anbeißen!“

Das bist du auch, mein Schatz!“

„Jetzt packst du deine Komplimente aus. Aber den Balkon könntest du zur Abwechslung auch mal wieder auf Vordermann bringen. Ach mein Gott, sieh mal! Jetzt hat er schon wieder die alte Jeanshose an. Sogar Isabel hat schon gesagt, er soll sie doch endlich mal wegwerfen.“

„Alte Nörglerin. Kommt jetzt wieder der Ordnungsfimmel? Die Hose ist tip top. Freu dich lieber, dass sie ihm nach all den Jahren immer noch passt. Warum so gute Sachen einfach wegwerfen? Das Geld dort unten ist nach wie vor knapp. Den Balkon mache ich gleich nach der Zeremonie am Sonntag. Ist das genehm, Frau?“

„Ist schon gut, Peter. Ich freu mich im Augenblick so, dass er genauso glücklich ist wie wir damals dort unten. Lucas bereitet übrigens den ersten Enkel vor. Mein Sohn wird Opa.“ Lisa schmunzelte.

„Dem prophezeie ich sowieso eine goldene Zukunft. Mechatroniker mit seinem Können sind nach wie vor gefragt. Weißt du noch, als sich unser Kleiner und Isabel kennengelernt haben? Da hat doch mein Schatz das erste Mal wieder Mutterinstinkte entdeckt!“

„Eine Mutter wird immer eine bleiben. Eine Oma ist nur die erfahrene Frau an Mutters Seite, die ihr Wissen weitergibt. Habe ich mich zu viel eingemischt zu dieser Zeit?“

„Nein, nein, es ist alles gut. Du hast alles richtig gemacht. Wirf noch mal einen Blick nach unten! Du wirst erstaunt sein.“

„Ach du meine Güte. Sie haben im Keller unseren ganzen alten Schmuck für den Weihnachtsbaum aufgehoben. Da sollst du nicht noch mal sagen, unser Sohn wäre nicht Heimat verbunden.“

„Sag ich auch nicht. Ein bisschen Abweichler waren wir ja zu Lebzeiten auch. Der hat seinen Weg gemacht. Ich bin stolz auf ihn. Aber ich hoffe, dass er die Wohnung nicht verkauft, in der wir unseren Lebensabend verbracht haben.“

„Niemals macht er das, Peter! Er weiß ganz genau wo er herkommt und sein Bezug zu uns war bis zu unserem Tod ein Bekenntnis zu seiner Familie. Und seine jetzige Familie hat er immer wieder in unser Leben als Alte mit eingebaut.“

„Die Leute bei seinem letzten Meeting im Betrieb waren etwas eigenartig. Komische Generation, die da heranwächst.“

„Das haben unsere Eltern auch gesagt, Schatz. Unser Sohn hat es zu Isabel kürzlich auch gesagt.“

„Hast du wieder gelauscht? Ich hab doch gesagt gehabt, du sollst ihre Gespräche nicht alle speichern. Die kommen schon zurecht.“

„Speichern, speichern, lass mich doch. Ich will doch nur das Beste für meinen Sohn und seine tolle Familie. Er war doch immer so sensibel.“

„Mutter, lass es gut sein für heute. Die Wolken ziehen langsam herbei, dann sehen wir nichts mehr. Wird auch gut so sein. Du kannst ihn ja beschützen, auch wenn du sie nicht beobachtest. Schutzengel erfüllen ihren Dienst alleine mit ihren Gedanken, die immer bei ihren Liebsten sind.“

„Das hast du jetzt aber schön gesagt, Schatz. Deine Flügel bringen mich übrigens jeden Tag aufs Neue zum Lachen. Du hast dich früher nicht einmal im Fasching verkleiden wollen.“

„Lach nicht. Dir stehen sie auch gut. Viel zu groß sind sie! Aber du bist immer meine Frau gewesen. In guten und in schlechten Zeiten. Zu Lebzeiten schon warst du ein Engel. Die Flügel hätte dir der Mann an der Pforte nicht verpassen müssen. Ich liebe dich, Schatz. Aber nun legen wir uns ins Licht. Ich kann auch nichts dafür, dass Schutzengel jede Nacht in einem Lichtbad verbringen müssen. Deine terracotta farbenen Jalousien gefielen mir jetzt besser.“

„Ja, stimmt, legen wir uns schlafen. Morgen wird ein langer Tag. So ein runder Geburtstag. Wie gerne wäre ich dabei.“

„So wie er sein Leben führt, stößt er bestimmt eines Tages zu uns. Lass sie feiern morgen, Lisa. Ich mache dann baldmöglichst den Balkon. Wer weiß, wie lange wir noch einen eigenen haben. Es wird langsam voll hier oben.“

„Keine Sorge Peter. Wenn die Menschen dort unten ein Fußballstadion erweitern können, schafft es Gott mit Leichtigkeit, ein bisschen anzubauen. Wir erwarten doch noch so viele liebe Menschen hier.“

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am September 27, 2011 von in Lyrik.

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