Roman Reischl Blog

Roman Reischl (Autor)

Mondsüchtig

Mondsüchtig

 

„Jetzt denke ich darüber nach, was ich denke“, redete sich Frank schon im Vorschulalter ein. Nicht nur deswegen ist er bis zum heutigen Tag ein Außenseiter geblieben. Seine Eltern stammten eben nicht wie die der anderen aus dem Dorf, sondern sind kurz vor seiner Geburt in die beschauliche Ortschaft zwischen Landesgrenze und der Kreisstadt gezogen.

Nichtsdestotrotz konnte die Kindheit nicht unbeschwerter erlebt werden als genau dort. Noch heute fährt Frank an freien Tagen bis zum Parkplatz an der Bushaltestelle, geht in den Wald hinauf und sieht nach, ob seine 20 Jahre alten Kerben noch an der alten Birke zu sehen sind. Oft entdeckt er noch Mulden unter dem Reisig, wo einst „Lager“ und „Burgen“ aus Brettern und Zweigen von ihm und seiner Bande errichtet wurden. Meist aber spaziert der junge Mann aber einfach nur über die Felder und genießt die Ruhe. Denn am Rande des Fuchswalds entstehen keine Spannungen. Vielmehr fielen ihm dort Dinge ein, die ihm in den letzten Jahren bei aller Problematik sehr nützlich waren. Man kann es sogar noch steigern: Sie halfen ihm gezielt weiter bei Entscheidungen und dem Umgang mit seiner gesamten Umwelt.

Wenn der Vollmond über den Dächern der Siedlung stand und Nebelschwaden über den kleinen Gebirgsbach am Ortsrand zogen, erinnerte sich Frank oft an seine schlaflosen Nächte und die schon damals unbegründeten Ängste. Dieser Mann dachte zuviel nach und tut es immer noch. Heutzutage findet er aber elegante Wege, um die Intensivität der Gedanken zu verringern und sich auf Geistesblitze zu konzentrieren.

Frank befindet sich mittlerweile an einem Punkt, eine der wichtigsten Fragen gelöst zu haben, die er sich immer und immer wieder gestellt hatte: Warum wird seit Menschendenken Krieg geführt. Seine Antwort ist simpel, für den ein oder anderen vielleicht etwas makaber.

Die Theorie des Mondsüchtigen lautet folgendermaßen: Kriege bringen seit jeher die Entwicklung der Gattung Mensch voran. Jede einzelne Schlacht, jedes auch noch so grausame Blutvergießen und die teils perverse Unterjochung anderer Stämme hat für Frank einen Sinn. Wenn man die Geschichtsbücher aufschlägt, gibt diese These absolut einen Sinn. Alle Völker der Erde haben nämlich durch ihre Verbrechen und die der anderen dazugelernt. Wäre dieser Planet von jeher friedlich gewesen, hätte niemand den Antrieb verspürt, etwas zu verbessern. Wozu wäre Forschung nötig gewesen ohne Konkurrenz? Man hätte brüderlich geteilt und jeder hätte jeden mit Nahrung, Kleidung und Behausungen gefördert.

Frank geht sogar noch einen Schritt weiter: Kriege sind ein Zeichen der Intelligenz, die den Menschen einem Tier überlegen macht. Der in der Zwischenzeit nicht mehr ganz so junge Grübler, der das Leben so liebt, ist sich sicher: Wenn seine Artgenossen an einem Punkt ankommen, dass die gesamte Gesellschaft im Einklang mit interkultureller Akzeptanz und Traditionsbewusstsein ist, dann wird es keinen Hunger mehr geben. Kein Neid, kein Rassenhass und keine Unterdrückung. Frank weiß jedoch, dass dafür noch sehr, sehr viel Wasser durch das dunkle Bächlein fließen wird. Manchmal hat er Angst, dass es versiegt, ehe das soweit ist. Diesmal ist seine Furcht wohl aus gutem Grund.

Vor einigen Wochen jedoch, als er sah, dass sein Heimatland aufopferungsvoll hilft, anstatt nur Anteil zu nehmen an der Katastrophe in Japan – als er bemerkte, dass sich Menschen in der arabischen Welt von ihren Tyrannen befreien – als ein Afroamerikaner Präsident der vereinigten Staaten wurde – als er festgestellt hat, dass ihn nicht nur seine Familie lieben kann, sondern auch die Frau seines Lebens – da machte er endlich die Feststellung:

Die Erde und ihre Bewohner ist nicht so schlecht, wie viele denken. Es gab und gibt eine massive Weiterentwicklung, ohne dass technische Errungenschaften der Computerwelt oder Toleranzbewegungen berücksichtigt werden müssen.

Ein wenig schlecht schläft Frank bei Vollmond immer noch. Seine Mondsucht wird aber schwächer. Mondsüchtige sehnen sich nach Ruhe und Frieden. Man darf aber nicht vergessen, dass die Mondoberfläche ein lebloses Brachland ist ohne jegliche positive oder negative Entwicklung. Gut oder schlecht, das ist ohnehin Ansichtssache. Zu guter Letzt bleibt nur noch anzumerken, dass der Bach neben den Grenzsteinen von schier unendlichen Alpenquellen versorgt wird. Bestimmt ist Frank auch deswegen nach all den Jahren entspannt und ausgeglichen wie nie zuvor.

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am September 22, 2011 von in Kurzgeschichten.

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