Roman Reischl Blog

Roman Reischl (Autor)

Energiepunkte

Energiepunkte

KURZGESCHICHTE ZUR THEMENVORGABE „VORSPIEL“

„Mit purer Absicht und unendlicher Aggression haben Sie diese drei Männer so zugerichtet“, tobte einer der Beamten beim Verhör. Sascha kniff die Augen zusammen, kaute gelangweilt auf einem Zahnstocher und legte die Arme hinter den Kopf. Er atmete mehrmals tief durch. Wenige Stunden später wurde er gegen Kaution aus der U-Haft entlassen. Seine „Opfer“ sagten nicht gegen den Bankangestellten aus. Sie selbst waren dort gewesen, um zu provozieren und ihren Faible für Gewalt hemmungslos auszuleben. Ebenso wie alle anderen festgenommenen Hooligans führte Sascha ein Doppelleben. Von Montag bis Freitag beriet der adrette junge Mann Kunden in einer Essener Bankfiliale. Tief im Inneren jedoch war er mit den Gedanken oft schon im Wochenende. Sicherlich geht es den meisten im Arbeitsleben stehenden Menschen so. Doch dieser Mann freute sich nicht auf Familienausflüge, Wanderungen oder gemütliche Treffen. Sascha´ s Ziel am Samstagnachmittag vor und nach dem Bundesligaspiel war es, sich mit Gleichgesinnten zu verabreden. In Online-Portalen wurden während der Woche Orte in Stadionnähe bekanntgegeben. Diese Zusammenkünfte hatten folgende Inhalte: Treten, Prügeln und Stänkern. Teilweise bewaffnet, wohl grundsätzlich alkoholisiert. Auf diese Weise tankte Sascha stets Kraft für seinen Alltag, so seltsam es auch klingt. Der Ausgang des Fußballspiels stand weniger im Vordergrund. Schon der Morgen des Tages der Festnahme hatte ungemütlich für Sascha begonnen. Seine Lebensgefährtin Christine, die bisher immer hinter ihrem Freund gestanden hatte, beklagte sich erstmals massiv: „So kann es nicht weitergehen, mein Lieber. Du gefährdest deine und meine Existenz. Wie erklärst du deinem Direktor seit Wochen die Gesichtsverletzungen?“ Was der hart arbeitenden Sekretärin aber am meisten Unmut bereitete, war das Liebesleben der beiden. Wenn es überhaupt einmal zu Sex kam, gab sich Sascha kalt und egoistisch. Keine Kuschelei mehr, von einem Vorspiel oder auch nur einem Hauch von Romantik konnte nicht mehr die Rede sein. Bereits am Vormittag, kurz nach dem Streit, verschwand Sascha in eine seiner Kneipen im Viertel. Beim ersten Bier dachte er wirklich noch über die Worte seiner Freundin nach: „Sie hat Recht. Es war doch mal Liebe. Sie tut alles für mich, will normal leben. Ich werde das kommende Wochenende mit ihr verbringen.“ Als seine beiden Schulfreunde, ebenfalls in der Szene, das Lokal betraten, wurde weitergetrunken. Sascha bemerkte zu keinem Zeitpunkt, dass genau diese Leute es waren, in deren Sog er sich befand. Fast beschwörend redeten sie ihm zu, dass Christine kein Recht darauf habe, den Stadionbesuch zu streichen. Schließlich vergnüge sie sich unter der Woche in Yogastunden und Wellnessbehandlungen. Die heiße Julisonne erhitzte gnadenlos die staubigen Hauptstraßen der Stadt. Der Bus nach Bochum war dennoch pünktlich. Das ungleiche Dreigestirn, aus beruflicher Situation betrachtet, hatte nunmehr einen beträchtlichen Alkoholpegel. Sascha dachte nicht mehr an Montagmorgen, an Aktenberge, Anlagenfonds oder Finanzierungen. Sein Wochenziel rückte immer näher. Der harte Kern der Kurve, der Bereich der Ultras, skandierte schon vor Anpfiff üble Parolen. Nach dem Anstoß wurden, statt dem Spielverlauf zu folgen, bengalische Feuer gezündet. Um einen Spielabbruch zu vermeiden, wurde dies nach zehn Minuten gestoppt. Flachmänner mit Rum und Vodka wurden herumgereicht. Sascha war zur Halbzeitpause so angetrunken, dass er am Imbiss von seinen Kollegen zurückgehalten werden musste. Grundlos beleidigte er die Angestellten an der Getränkeausgabe. Man kannte ihn dort und ging auf seine Aussagen nicht weiter ein. Bereits vor dem Spielende machte sich die Schar der Extremgruppierung auf den Weg aus dem Stadion zu nahegelegenen Lagerhallen neben einem Kieswerk. Nach etwa 30 Minuten hatten sich Hooligans aus beiden Lagern versammelt. Aus Schubsereien wurden schnell Faustschläge. Sascha war an seinem Energiepunkt angelangt. Noch vor dem Eintreffen einiger Streifenwagen war es für etwa zehn Männer zu spät. Umgehend wurden Notärzte gerufen. Es gab keine Toten, doch das Trio, vor allem Sascha, hatten noch am Boden Liegenden in Kopf und Brustkorb getreten. Ihn aus der Untersuchungshaft frei zu kaufen, war Christine´ s letzte Tat für den einstigen Musterschüler. Sie war an einem Punkt angelangt, an dem sie keine Energie mehr für ein Zusammenleben schöpfen konnte. Die junge Frau strich Sascha vor dem Revier noch einmal durch die Haare: „Vor dem Spiel ist nach dem Spiel. Es ändert sich nichts. Übrigens hat dein Verein gewonnen, falls dich das interessiert. Auf Wiedersehen. Auch Liebe kennt Grenzen und ist vergänglich.“

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Juli 29, 2011 von in Kurzgeschichten.

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