Roman Reischl Blog

Roman Reischl (Autor)

Whisky und Wasser

Whisky und Wasser

Zum Thema „DIE KIRCHE IM DORF LASSEN“ für die Schreibwerkstatt

„Warum ist Gary immer so ruhig? Er hat manchmal einen Blick, da könnte man meinen, er sei unantastbar. So starr, so konzentriert. Nach fünf Jahren als Barkeeper hier möchte man meinen, er dürfte sich gerne ein bisschen lockerer geben.“

 

Diese Aussage kam von einem slowakischen Mädchen. Sie war gerade erst zwei Wochen in unserem Barbetrieb. Die Schulungen über hunderte verschiedener Scotchsorten und ein 5-Sterne-Hotelseminar hatte sie noch vor sich.

 

Ich antwortete ihr, dass einen das ganze Etablissement mürbe machen kann, doch für Gary sei es ein Sprung in eine neue, andere Welt gewesen. Einfach hier zu arbeiten, ein kleines, verlassenes Restaurant in seiner Freizeit zu renovieren, während er die ehemaligen Gästezimmer dort an Saisonarbeiter vermietete.

 

Gary hatte pechschwarze Haare. Sie waren zerwirbelt wie sein ganzes Wesen, wie die Stürme in den schottischen Midlands. Wie sachter Regen in den unendlich grünen Hügeln.

 

Er war in Belfast aufgewachsen. Einmal erzählte er mir, dass seine Eltern streng gläubige Protestanten sind. Auch seine zwei älteren Brüder hatten sich von jeher an Aktionen gegen Katholiken in anderen Vierteln der Stadt beteiligt. Mein Arbeitskollege wollte dem Ganzen letztendlich ausweichen.

 

„Deshalb bin ich nach Schottland gekommen, German!“

 

Gary wusste meinen Vornamen sehr wohl, dennoch benannte er mich nach meiner Staatsangehörigkeit. Mir schien, als wollte er damit seiner reservierten Art noch mehr Ausdruck verleihen.

 

Ich war der Personalunterkunft nach ein paar Wochen überdrüssig. Meine Bewegung, in dieses wunderschöne Land zu kommen, war, um englisch zu lernen. Gary´ s Gründe waren andere. Immer wieder bemerkte ich, wie er versuchte, sich zurück zu halten. Doch wenn der Barmanager nach einem wirklich erlösreichen Abend seine besten Whiskyflaschen herausholte, begann Gary zu sprechen.

 

„Einige Tropfen Wasser und der Scotch kommt zur Entfaltung“, sinnierte unser Maitre.

Bei Gary wartete ich auf den Tag, an dem der Tropfen sein Fass zum Überlaufen bringt. Mein Mitbringsel, eine britische Flagge, als Zeichen meines Faibles für die gesamte Insel, betitelte er mit vorsichtigen Schimpfwörtern, falls es jene überhaupt gibt.

 

Gary war ein Fachmann. Niemand von allen Mitarbeitern konnte ausser ihm und dem Barmanager ein Whisky – Tasting durchführen. Leider kann ein heimatverbundener, von Geburt an patriotisch erzogener an manchen Punkten seines Lebensweges nicht aus seiner Haut.

Monate später, es war um die Weihnachtszeit, besuchte Gary seine Eltern. Nach seiner Rückkehr von der Nachbarinsel hatte sich etwas verändert. Sogar während der Arbeit sah ich ihn des Öfteren telefonieren. Der junge Nordire hatte zweifellos wieder Kontakte nach Belfast. Ich sprach ihn nicht darauf an, der Rest des Teams mied ihn ohnehin seit jeher.

 

Der durch den Golfstrom relativ milde Winter brachte dem britischen Norden seinen berühmten Regen. Seine freien Tage sinnvoll zu gestalten erwies sich als schwierig.

 

Ich lebte nun seit einer Woche bei Gary zur Untermiete. Meine Post ließ ich ins Hotel senden, da ich mich in seinem Haus nicht offiziell anmelden durfte. Weitere Fragen dazu ersparte ich mir. Preiswertere 50 m2 waren sonst nirgends zu bekommen.

 

Mitte Januar brach eine Kältewelle über Schottland herein. An einem dieser Abende mit eisigen Stürmen saßen fünf Leute unserer Hotelbelegschaft in der Dorfkneipe von Auchterarder. Gary auch. Das brisante Ligaduell Celtic Glasgow gegen Rangers wurde dort live gezeigt. Man kann dieses Spiel, diese Begegnung auch als „katholisch gegen protestantisch“ bezeichnen. Vor allem natürlich unter den Anhängern beider Vereine. Entsprechend angeheizt war die Stimmung im Lokal schon vor dem Anpfiff.

 

Nüchtern war zu diesem Zeitpunkt bereits keiner der Gäste mehr. Der alte Brandon hinter dem Tresen war dem Ausschank der Pints nicht mehr gewachsen. Seine Frau musste wieder einmal einspringen.

 

„Ich zapfe, du schenkst den Scotch aus!“, gab er ihr zu wissen. „Verdünne ihn ordentlich mit Wasser, das merkt heute keiner mehr.“

 

„Never give up!“, brüllte unser Barman Gary immer wieder in den Raum des Lokals. Das Derby im Fußball war längst nicht mehr gemeint.

 

Es vergingen Wochen. Das Hotel war schlecht ausgelastet. Für alle Schichtleiter der Abteilungen wurde Sonderurlaub eingeräumt. Gary nahm ihn. Ernahm alles, was er bekommen konnte.

 

Belfast spiegelte sich. Der graue Horizont glich der Farbe in den Vororten.

„Es ist Zeit, uns zu wehren“, sagte Heath, Gary´ s ältester Cousin.

„Ich habe ein neues Leben in Schottland angefangen, ich habe mir etwas aufgebaut, ich möchte nichts aufs Spiel setzen“, gab ihm Gary zur Antwort.

„Du darfst den Glauben nicht verlieren!“, setzte Heath nach.

„Welchen Glauben? Hier glauben doch alle das Gleiche, nur ihre erzogene Intoleranz macht alles kaputt. Meine Stadt, meine Insel.“

 

Wenige Stunden später explodierte ein Auto vor einem der Luxushotels in Nordirlands Hauptstadt. Gary und seine gesamte Verwandtschaft kamen. Bewaffnet.

 

Ich lebe in Deutschland, ich muss nicht mit einer Pistole in der Tasche ins Einkaufszentrum gehen. Mein Freund Gary muss das schon. Er lebt in Europa, gar nicht weit von hier. In Schottland habe ich ihn nach dem Urlaub nicht mehr gesehen. Sein Kampf ist wichtiger.

 

Eigentlich wollte er das alles beenden und die Kirche mal im Dorf lassen. Seine Brüder beriefen ihn zurück. Die Brüder seiner Feinde taten das Selbe. Bei Whisky und eventuell ein paar Tropfen Wasser.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Juli 4, 2011 von in Kurzgeschichten.

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