Roman Reischl Blog

Roman Reischl (Autor)

Autokino

Autokino

Arbeitstitel in der Allgäuer Schreibwerkstatt: Durch die Blume

Los Angeles hatte schon immer sehr viel zu Bieten. Ich kann auch wirklich nicht behaupten, in einer schlechten Umgebung aufgewachsen zu sein. Ich konnte vielen Betrieben dabei zusehen, wie sie wuchsen und gediehen. Aufbruchsstimmung. Amerika in den 50ern. Von Anfang an durfte ich mit dabei sein. Mehrmals wurde mir das gegönnt und mein Fleiß wurde belohnt. Ich muss sagen, ich hatte auch einen wirklich guten Rückhalt. Ich spreche damit meine Eltern an, aber in erster Linie meine ich natürlich meine Frau.

Unsere Stadt besaß das erste Autokino überhaupt. Ich führte Angela dorthin aus, denn jeden Samstag liefen romantische Filme. Unser erstes Date endete gewöhnlich. Ein erster Kuss, eine erneute Verabredung. Als wir uns nach einer Weile besser kannten, wurde die Zuneigung immer stärker. Niemals werde ich den Satz vergessen, den sie damals zu mir gesagt hatte:

„Eigentlich möchte ich nicht in einem anderen Bundesstaat studieren. Mein Vater bietet mir einen Job in seinem Labor an. Chemie war immer ein interessantes Themengebiet für mich. Ich könnte somit gleich Geld verdienen.“

Durch die Blume verriet Angela mir, dass sie ihr Leben mit mir verbringen mochte. Das Autokino war längst leer. Keiner sah, wie wir uns innig küssten.

„Du solltest doch auch deine Träume verwirklichen, bevor du dich an mich bindest“, antwortete ich. Ich wusste damals, was Liebe bedeutet, hatte jedoch kein Gespür dafür, mich richtig zu äußern. Ein Mensch war bereit, mir sein Leben zu schenken.

Ins Autokino gingen wir nach der Hochzeit nur noch aus Tradition ab und an. Dieser Ort zog uns einfach magisch an. Unsere Eltern hatten erkannt, dass wir nicht ohneeinander sein wollten. Ich bekam meinen ersten Job und sie mich, einen einfachen, netten Kerl. Meine Frau war glücklich.

„Eigentlich wäre es schlimm, im Alter einsam zu sein“, sagte Angela nach einigen Jahren unserer noch jungen Ehe. Erneut hatte sie durch die Blume angedeutet, dass sie sich sehnlich Kinder wünschte. Dieser Traum wurde ebenso wahr wie der Hausbau am Stadtrand.

Mit etwa 50 Jahren zeichnete sich eine kleine Lebenskrise bei mir ab.

„Wenn du möchtest, machen wir mit den Ersparnissen eine tolle Weltreise“, schlug Angela vor. Die beiden Jungs waren längst ausgezogen. Durch die Blume gesprochen fühlte ich, dass ihr nichts wichtiger war, sowohl auf meine Wünsche und Bedürfnisse als auch auf meine Probleme einzugehen. Sie wollte mich glücklich sehen.

Angela starb leider recht früh an Krebs. Ihre letzten Worte an mich waren:

„Dieser Flirt im Autokino war der Beginn meines Lebens. Ich bin nicht traurig. Wir treffen uns wieder. Hast du Lust?“

Selbst am Sterbebett sprach meine Frau durch die Blume. Ihr Anliegen war, mir zu verstehen zu geben, dass sie mich immer geliebt hat. Viel mehr noch, nämlich bis über den Tod hinaus.

Daher kümmere ich mich jeden Tag um ihre Pflanzen im Garten. Blumen, die Natur und das einfache Leben, das mochte Angela am Liebsten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am April 23, 2011 von in Kurzgeschichten.

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