Roman Reischl Blog

Roman Reischl (Autor)

Palermo

  Palermo

Der Wind singt Lieder in den Gassen Siziliens kleiner Küstenmetropole Palermo.

„Es ist ein Geschenk, dass wir hier leben dürfen“, säuselte die sonst eher verschlossene Nicola ihrem ersten richtigen Freund, Franco, zärtlich ins Ohr.

Der bisher wie fast alle italienischen jungen Männer sehr mutterbezogene Handwerker hatte sich aber auch Mühe gemacht. Mit kaum vorhandenen Kochkünsten war es ihm doch gelungen, für seine Liebste ein respektables Abendessen a la Romantik zu zaubern. Den Sinn für Letzteres hatte er zweifellos.

Zur gleichen Stunde spielte sich im ungemütlichen und regnerischen Edinburgh ein weitaus spannenderes Unterfangen ab. Das zweiköpfige Forscherteam um Professor Dagleish und den Hobbyhistoriker Dr. Jason jr. hatte nach jahrelanger, hingebungsvoller Ausarbeitungen kirchlicher Aufzeichnungen aus längst vergangenen Tagen ein Mosaik zusammengesetzt. Man erwartete die Lösung eines verstrickten Puzzles, das immer wieder Andeutungen auf nachträgliche Veränderungen nicht unerheblicher Art an christlichen Stätten nördlich des Hadrian` s Wall machte. Zu allererst dachte Dagleish an Jugendstreiche. Er war ein unheimlich gebildeter Mann mit Verbindungen in die Politik. Doch nach intensivem Prüfen der Funde durfte er es ausschließen.

„Man kann sagen, was man will, Dagleish, niemand konnte verhindern, das gewisse Dinge auch bis hierher zu uns nach Schottland einfach durchgedrungen sind.“

Dr. Jason setzte seinen grimmigen Blick auf, als er das sagte. Dieser verriet ihn Zeit seines Lebens als Briten.

„Jason, dein Vater hat dich sehr viel beeinflusst. Ich bin froh darum. Ich bin viel zu konfus, hätte es alleine nicht geschafft.“

Während dieses Gesprächs befanden sich die Beiden in einer dunklen und verstaubten Nebenkapelle einer kleinen Kathedrale am Fuße der wunderschönen Hauptstadt. In diesem feuchten und verlassenen Gotteshaus war lange Zeit nicht mehr restauriert worden. Verwitterte Fresken und marode Kruzifixe wurden vom durch die schmalen Fenster durchdringenden Vollmond zart beleuchtet. In den dunklen Nischen lagen vergilbte Pergamente. Allerdings nur alte Lesungen der Messen. Die mystische Stimmung passte dem Duo ganz gut. Dagleish hatte einen kleinen Klapptisch neben dem winzigen Altar aufgestellt. Jason jr. zerrte zwei morsche Holzhocker aus der Sakristei herbei. Neben einigen roten Papierservietten war eine Flasche Chianti postiert worden. Man setzte sich hin, um einen gewissen Teilerfolg mit einem Gläschen dieses Rotweins aus dem Jahre 1952 zu zelebrieren. Ein Wärmegewitter peitschte über die schmalen Dächer der Vororte Edinburghs. Doch das trübe Wetter konnte nicht verhinderten, dass Dagleish` s Augen funkelten und Enthusiasmus ausstrahlten.

Diese beiden Männer hatten geforscht. Nicht alle Männer, die das tun, kommen zwangsläufig zu einem Resultat. Doch hier lag eines auf dem Tisch und es war eindeutig. Jede noch so kleine Kirche im ganzen Land wurde untersucht. Diese hatten eine unumstritten gleiche Struktur in einem nicht unwichtigen Detail: Die Pforten, auch die bereits von Moos überwachsenen, zeigten mittig eine Gravur mit der Jahreszahl des Erbauungsjahres. Interessanterweise weichten aber einige wenige auf eine unheimliche Weise von den meisten anderen ab. Stirling, Perth und Aberdeen, wo sie auch überall gewesen waren, die großen Kathedralen zeigten nur das Baujahr an. Das Geheimnisvolle jedoch war, dass kleinere, ehemals wohl unbedeutende Kapellen mit nachgeahmten Flaggen und nationaltypischen Symbolen versehen waren. Sie wurden neben der Jahreszahl in den Stein gemeißelt. Sie fielen aus der Reihe. Jemand hatte bewusst dort etwas hinterlassen.

Das Streben der Historiker, die davon zwar fasziniert waren, galt aber weitaus Genialerem. Nach unzähligen Überlegungen waren sie nämlich zu dem Schluss gekommen, dass man die Christusstätten ohne neuzeitliche Beschriftungen und Hinweise außen vor lassen muss. Vielmehr zeichneten sie liebevoll jedes „veränderte Fundstück“ in die Landkarte des Gebietes ein. Die Flasche schien beileibe nicht umsonst auf dem Tisch zu stehen und schon fast geleert zu sein. Dagleish qualmte seinem Kollegen und Freund, wohlgemerkt weitaus jünger als er, den Rauch seiner Zigarre entgegen.

„Ist es nun ein Landstrich, die Umrisse einer Insel oder etwa ein Stadtplan? Das müssen wir unbedingt und möglichst schnell herausfinden.“, eröffnete Dr. Jason nun erstmals eine Konversation.

„Junge, das wird unser kleinstes Problem sein. Wir projizieren das auf sämtliche Karten und Anordnungen, die die Geographie der Erdgeschichte jemals herausgebracht hat. Dem Internet und moderner Techniken sei Dank. Nur unser Stillschweigen, das dürfen wir nicht brechen, verstehst du?“

Dr. Jason verstand das sehr gerne. Fakt war, dass alle von ihnen als „neue Kennzeichnungen“ benannten Gebäude nach dem Einzeichnen in die Karte Schottlands tatsächlich einen Hinweis auf eine andere Gegend zu geben schienen. Es sah aus wie eine Insel. Die große Kathedrale am Rande in Oban machte dabei den Eindruck, gegenüber den kleineren Markierungen einen Zielpunkt zu bestimmen. Einen Ort, an dem man suchen muss. Das stieg selbst den Herren aus dem kühlen Großbritannien ein wenig zu Kopf. Nach weiteren Recherchen kam der aufgewühlte Schüler zu seinem geistigen Vater gestürmt:

„Ich habe mir den archäologischen Bericht noch einmal durchgelesen. Schau mal!“

Das Greenhorn wirbelte aufgeregt in den Befunden herum. Es zeichnete sich etwas Unfassbares ab. Die Epoche, die den Zusätzen an den Eingängen der Kirchen nachgewiesen wurde, spiegelte wichtige politische Ereignisse in der Art ihrer Markierung wider. Immer wieder wollten die Verursacher dieser Inschriften mit Zeichen etwas veranschaulichen. Nicht weiter schwierig war es, italienische Botschaften aus dem Gesamten herauszudeuten. Verblüffender Weise fand man unter der Begutachtung mit einer Lupe ein Wappen Kalabriens, welches erst lange nach dem Bau dieser Kapelle im weit entfernten Süditalien entstanden war. Es gab keine Zweifel mehr. Irgendwer wollte Geheimwissen verbreiten. Verdächtig aufwendig und wohl nicht für jedermann bestimmt.

Professor Dagleish ließ sein Bild wenige Tage später in verschiedenen Größen und Drehungen über ein Earth – Programm im Internet laufen und erlaubte ihm, es mit vorhandenen Strukturen zu vergleichen. Der Suchlauf war von geringer Dauer. Ein Kind, das in einer Zeitschrift Punkte miteinander verbinden soll, um ein Tier daraus zu zeichnen, hatte es nicht wesentlich schwerer. Die Stützpunkte waren tatsächlich in so einer exakten Lage, dass, wenn man sie mit Linien verband, die unverkennbare Form der Insel Sizilien entstand. Die Faszination dieses durchdachten Vermächtnisses sollte nach hunderten Jahren nun seine Neuentdeckung finden. Jason hatte nach der Bekanntgabe über die Sachlage von seinem Mentor in der Zwischenzeit ein Hotelzimmer und ein Auto auf Italiens Trauminsel arrangiert.

Professor Dagleish und sein Freund hatten sehr viel Gepäck, um auf möglichst wenig Fremdhilfe angewiesen zu sein. Das Ziel war Palermo, mehr als deutlich hatte die Ausführung angezeigt, dass eben auf Sizilien genau diese hübsche Stadt zum Suchen und Entdecken bestimmt war. Man brachte Gegenstände aus Schottland mit, ob unerheblich oder nicht.

Die Gischt des am Abend aufgewühlten Mittelmeeres zerteilte sich an den vulkanischen Riffen der Küste, begleitet von einer lauen Sommernacht. Als sich der Sonnenuntergang ein blutrotes Bad im Meer bereitete, schlich Dagleish auf dem Balkon seiner Suite von einem Ende zum anderen. Weder die Aussicht, noch das mediterrane Klima konnte er bewusst genießen. Jason hingegen machte den Anschein, jetzt zu kombinieren. Er wollte politische Errungenschaften der letzten 300 Jahre in Verbindung mit Palermo bringen. Geschichtsbücher halfen ihm dabei.

„Viele einflussreiche Leute fanden hier auf besondere Art ihre letzte Ruhe. Wunder dich nicht, Professor. Wir müssen in das Grab der mächtigen Männer. Die Einflussreichen waren es, die unsere Kirchen markiert haben.“

Dagleish` s Schützling war schon nach einem Tag extrem verschossen. Siegessicher und mit verschränkten Armen stand er grinsend vor ihm. Auf das Bett des Freundes hatte er eine billige Broschüre der Kapuzinergruften geworfen.

„Wir sind Touristen aus Großbritannien.“

Auffällig schwunghaft sprachen die Beiden die dortige Kassenkraft am darauf folgenden Tag an. Jason wurde fahrig. Doch verdächtig wären sie erst geworden, hätten sie angefügt, dass sich in ihren Rucksäcken „nur“ Proviant befindet. Von der Kleidung ausgehend konnte die junge Frau definitiv nicht davon ausgehen, dass die Männer eine Nacht in der Gruft verbringen wollten. Zu modern und belanglos war deren gewöhnliches Outfit. Man ging als unästhetischer und typischer Besucher durch die Schranke.

Dagleish und Jason stiegen zunächst mit einer Gruppe Japanern und dessen Reiseführer hinab in das einzigartige Gewölbe der alten Mönche. Ein Halbwüchsiger bekam Angst und wurde von seinen Eltern umgehend fort gebracht. Die präparierten Leichen waren in einer erstaunlichen Verfassung. Doch auch alleine beim Anblick der ersten Mumie zuckten auch hartgesottene Männer zunächst zusammen. Die schummerige Beleuchtung der Toten und die feuchte, schwefelige Luft trugen dazu bei, Historisches gruselig zu gestalten. Die Forscher setzten sich Stück für Stück von den übrigen Wissenshungrigen ab. Der alte Professor begann, mit einer Taschenlampe den Boden unter den Körpern der Mumien anzustrahlen. Jede Einzelne war mit einer lateinischen Ziffer versehen.

„Sie sind ordentlich nummeriert, Junge.“, wandte er sich zu seinem Freund.

„Soll es ein Zahlenspiel werden?“ Jason hatte einen mürrischen Blick.

„Deine Euphorie ist wohl arg gebremst worden, Jason. Das hörte sich vor dem Gang hierher noch ganz anders an. Woran liegt das?“, entgegnete Dagleish.

Der junge Mann war ungeduldig und machte den Anschein, als ob ihm die Umgebung nicht behage.

Die Beiden harrten bis nach der letzten Führung im Korridor der Mönche aus. Die Anordnung der Leichen war nach deren Leben aufgeteilt. Männer und Frauen wurden getrennt, ebenso Priester, Politiker, Ärzte und Künstler.

Kein Mensch bemerkte zum  Glück, als sich zwei Schatten in einer der Nischen bis zum Einbruch der Nacht verschanzten.

„Hast du die Holzskulptur am Eingang der Gruft gesehen, Jason?“

„Sie konnte mir nicht entgehen!“

„Sie sieht exakt aus wie einer derer in Aberdeen. Die sehen wir uns jetzt genauer an.“, flüsterte der alte Mann seinem Komplizen zu.

Sie schlichen wie auf Samtpfoten. Ein leises Knarzen der Holzböden vor dem Eingang in die Katakomben konnte nicht ganz verhindert werden. Das wunderschöne Abbild der Schmerzensmutter Rosalia hatte auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches an sich. Jason forderte Dagleish daraufhin auf, sie leicht zu kippen.

„Ich möchte mir die Unterseite ansehen. Wir müssen alles untersuchen, auch die Gravuren.“

Der Professor willigte ein und verlor keine Zeit. Als der Junge die Basis der Figur betrachtete, traute er seinen Augen nicht mehr.

„Jetzt wundert mich nichts mehr!“

Er zog ungeduldig an Dagleish´ s Hosenbein.

„Was ist da?“, fragte dieser aufgeregt und tupfte auf sein Haupt mit den letzten vorhandenen Haaren.

„Unser schönes Schottland ist eingeschnitzt. Ohne England. Eine wunderbare Arbeit, wer immer das auch zu Stande gebracht hat. Ich wette meinen Hausstand, dass bei ihrer Zwillingsschwester in Aberdeen Sizilien an selbiger Stelle zu sehen ist!“

Die Forscher setzten Rosalia vorsichtig ab. Sanft fiel etwas feines Pulver von deren Oberfläche zu Boden. Ohne zu diskutieren versuchten sie nun, Körperteile der Statue zu bewegen. Tatsächlich ließ sich der rechte Arm rotieren. Innerhalb von Sekunden schaffte es der geschickte und zugleich nervöse Arzt, eine Öffnung in der Skulptur freizulegen. Dagleish bediente sich mittlerweile eines Stofftüchleins. Der kalte Schweiss stand ihm schon seit dem Eintritt auf der Stirn. Die Ereignisse überschlugen sich jetzt. Aus der geöffneten Schulter der Heiligen stand ein Griff heraus.

„Los, Junge, zieh es heraus, was immer das ist! Dann schrauben wir den Arm sofort wieder an, wir Schwerverbrecher.“

Jason befolgte die Anweisung. Das Ergebnis war nicht minder eindrucksvoll als die Vorarbeit. Einen Handspiegel aus purem Gold hielten sie schließlich nun in Händen. Als Dagleish kurzerhand hineinsah, sackte er mit entsetztem Blick beängstigend abrupt zusammen. Jason stützte ängstlich den Kopf seines Freundes ab. Der alte Entdecker zitterte, hatte aber trotz Allem noch ein Lächeln im Gesicht. Mit seinem Finger zeigte er auf den Spiegel, der umgedreht auf einer kalten Steinplatte lag. Jason bündelte seine gesamte Energie und sah ohne langen Anlauf ebenfalls hinein. Das Grauen und Angst überfiel seine Gesichtszüge. Er schluchzte jämmerlich beim Anblick seines Spiegelbildes. Ein kühler Luftzug aus den unteren Gängen brachte einige Stellagen der Leichen zum Klacken. Begann nun der Keller der nicht Begrabenen zu rumoren?

„Beruhige dich, Jason, wir sind allein. Nach wie vor!“, besänftigte Dagleish seinen weinenden Kollegen.

„Der Wind hat uns einen Streich gespielt.“

Jason hatte den Handspiegel fassungslos beiseite gelegt. Sie umarmten sich wie zwei echte Männer. Dagleish fasste erste Worte:

„Ich denke nicht, dass es etwas Unheimlicheres gibt, als in den Spiegel zu schauen und sich selbst mit einer halbverwesten Fratze zu sehen. Wir haben uns Lebende mit dem Gesicht des Jenseits gesehen. Wir haben uns selbst erblicken dürfen, wie wir nach unserem Ableben aussehen werden.“

Der Professor sprach nun wieder mit fester Stimme und hoch motiviert.

„Kombiniere, mein Freund! Wenn wir uns als Tote in diesem Handspiegel sehen, was passiert, wenn wir damit wieder in die Gruft hinabsteigen? Du musst es nicht machen, ich erledige das. Ich halte im Korridor der Professionisti einer der Mumien dieses Ding vor das Gesicht. Am besten einem verstorbenen italienischen Politiker.“

Der neugierige Jason war natürlich dabei. Noch etwas befangen griff er nach seiner Taschenlampe und stieg als Erster nach unten zum Erbe der Kapuzinermönche. In den Gewölben mit Frauen schlug Jason seinem Mentor vor, an einem präparierten kleinen Mädchen das Szenario zu erproben. Dagleish winkte kommentarlos ab. Sein Ziel waren die Drahtzieher der Vergangenheit, von Anfang an. Durch die Gruften zog wie aus dem Nichts heraus ein gelblicher Nebel. Es schwefelte. Während Jason seine Nase zuhielt, warf Dagleish den Handspiegel zur Seite. Wie Feuer brannte der Griff plötzlich in seiner Hand. An Aufgeben war auf Grund dessen erst Recht nicht zu denken. Der Alte fasste das Relikt aus der hölzernen Rosalia erneut an. Jason übergab sich. Die toten Priester, Lehrer und Politiker neigten sich aus ihrer Verankerung. Ohne zu schreien suchten sie die Nähe des Spiegels, der die Temperatur eines Feuers mit Weißglut erreicht hatte. Nur die zähen Gewebe ihrer Haut und das Gebälk verursachten eine Furcht einflößende Akustik. Die Leichname verbreiteten nun Geruch des Moders. Jason erblickte im letzten Moment eine Überwachungskamera der Carabinieri. Augenscheinlich außer Betrieb schlug er trotzdem mit einem Stock aus den Bretterstapeln auf sie ein. Sie zerbrach in tausend Stücke.

Der Professor nutzte die Gelegenheit nun mit Hilfe eines Tuches und hielt den Fund aus dem oberen Stockwerk einem Aufgebarten vor sein verendetes Antlitz aus der Welt der Toten. Wie durch ein Wunder begannen sich die Korridore der Mönche, der Jungfrauen, ja das ganze Kabinett der Hinterlassenschaft zu erhellen. Längst erloschene Fackeln an den Mauern, nur noch als Anschauungsmaterial verwendet, entzündeten sich wie von Geisterhand zu einem Reigen der Erleuchtung. Dagleish und Jason hatten es geschafft. Sie hatten das düstere Geheimnis eines Weltentores ins Reich der Beerdigten ohne Grab aufgestoßen.

„Mein Name ist Filippo d` Austria!“

Die Freunde blickten seitlich in den Spiegel der Rosalia. Ein junger Mann stand in selbigem, gegenüberstellt einer der Mumien. Die Schotten schwiegen bedächtig. Der vor Jahrhunderten verstorbene Filippo, einst Ayala genannt, war Sohn eines tunesischen Königs. Er war vor seinem Tod dem Christentum übergetreten. Der Schlüssel aus Schottland ließ die beiden Historiker sich nun wie in einem Traum vorkommen. Sie hatten das gewaltigste Mysterium der Menschheitsgeschichte erschlossen. Nun gab es keine Grenzen mehr. Das Tor ins Jenseits war und ist der Traum der Esotherik. Die Geschichten der mumifizierten Zeugen der Zeit umschlungen Dagleish und Jason mit Informationen und Erlebnissen aus fünf Jahrhunderten. Man hielt stundenlang in allen Korridoren den Toten diesen Handspiegel vor. Dagleish erfuhr die Wirklichkeit über Machenschaften von Geistlichen und bekam exakte Jahresangaben. Frauen beklagten die Demütigungen der Feldherren und Soldaten. Wichtige einstige Politiker und Anwälte behaupteten, ihre Errungenschaften wären richtungsweisend gewesen. Interessant daran war, dass der Professor alles notierte und damit in Zukunft Unwahrheiten in modernen Unterrichtsbüchern abändern konnte. Am Faszinierensten war, dass alte Mönche ihr Leben verdammten und der Welt nach eigenen Aussagen nichts hinterlassen haben. Das Vermächtnis der zum Leben erweckten Gruft widerlegte das in diesem Moment.

Jason hatte seine Furcht verloren. Er hatte bereits zuvor lernen müssen, sich nicht vor einem Spiegelbild zu fürchten. Die Leichen in Palermo konnten sich in der Nacht ihrer Erlösung über das Leben in einem goldenen Wundergegenstand äußern. Ihre tiefe Dankbarkeit war eindringlich und unglaublich.

Dagleish vergeudete keine Minute, so viel Wissen wie möglich in sich aufzusaugen. Andererseits war klar, dass das, was sich hier abspielte, nicht so leicht an die Öffentlichkeit dringen durfte.

„Das ist unsere ganz persönliche Zeitreise, Junge. Das sind Live – Reportagen aus dem Mittelalter. Es sind Menschen, die noch etwas mitteilen möchten. Unsere Symbole aus Schottland, die uns hierher geführt haben, wurden Jahrzehnt um Jahrzehnt noch zu Lebzeiten von ihnen erweitert. Erst jetzt verstehe ich, warum es ein Privileg ist, hier bestattet zu werden. Bei Gott schwör ich nun, dass jeder Mensch während seines Lebens nicht ausreichend dazu kommt, seine Sehnsüchte, Wünsche und Ideen zu verbreiten. Man ist mit zu vielen Nebensächlichkeiten beschäftigt. Der Mensch hat viel zu viel Angst vor seiner Umwelt, seinem Image. Darum hat sich das Weltentor zwischen Leben und Tod offenbart. Nun gilt es herauszufinden, wer so viel Genialität besessen hat. So viel Geheimwissen, um Palermo zu einem Puzzle zu machen. Es muss ein mächtiger, aber verzweifelter Mann gewesen sein. Ein Mann mit Einfluss, aber unüberwindbaren Barrieren. Gescholtener einer guten Sache vermutlich? Wir werden den Gründer finden, noch heute Nacht. Denn er steht hier unten in einem der Korridore und wartet darauf, sein altes Ego zu erblicken. Lass ihn uns suchen. Auf geht´ s!“

Dagleish rief in einer Lautstärke, welche das Wachpersonal im Museum nicht überhören konnte. Das wiederum spielte keine Rolle mehr. Durch das offene Tor der Gegensätze und der Zeit waren bei Beiden die Dämme gebrochen. Das Übermitteln der Botschaften aus dem Totenreich sollte nämlich ein Grundverlangen der Menschheit tilgen: Die Zukunft von Vornherein besser gestalten durch Wissen und Wahrheit. Die Seelen in den Tiefen Palermos hatten es nicht mehr nötig, Falsches kundzugeben. Sie wollten ihre letzte Ruhe retten und wurden erlöst.

Als Jason im Gang mit den Offizieren einem Auserwählten den Spiegel vorhielt, ertönten schrille Schreie aus dem Relikt. Ohne Worte schlich der Professor indessen davon und fühlte sich in seiner pazifistischen Grundhaltung bestätigt.

Schlagartig wurde es still in der Gruft. 1200 Mumien schwiegen wie eh und je. Der Spiegel war nicht mehr auffindbar. Jason warf sich auf den Boden der Grabstätte und krallte verzweifelt in den Staub. Der Schwefelgeruch setzte erneut ein. Ein kurzer Hall begleitet durch ein Zischen fegte durch die Höhlen. Man konnte nicht einmal mehr die Hand vor Augen sehen. Finsternis.

„Ich bin Silvestro!“

Die Stimme klang so angenehm und warm wie das ganze Flair der Insel Sizilien. Wie inszeniert begannen die Fackeln wieder zu brennen. Das Historiker-Duo wurde sanft und unverhofft von hinten umarmt. Silvestro lebte und war ganz und gar nicht untot. Eher gut genährt. Seine Gewänder waren aber zweifellos nicht aus einer Boutique. Wie ein alter Freund, der angetrunken in einer Kneipe zu einem kommt, um zu reden, schmiegte er sich an die Männer aus dem vereinigten Königreich.

„Ich bin der älteste hier bestattete Mönch, Freunde.“

Gleichzeitig mit diesem Ausspruch hatte er eine Karaffe zu seinem Mund angesetzt. Er nahm einen großen Schluck und lächelte.

„Der Spiegel ist zerbrochen. Ich hatte ihn früher immer bei den Waschungen dabei. Wisst ihr genug? Verwendet es! Gebt es weiter!“

Dagleish antwortete sofort und keck:

„Ja, wir wissen mehr als alle anderen Menschen da draußen. Nur eins noch. Warum Schottland als Ausgangspunkt zu deiner Offenbarung?“

„Meine Mutter war Kirchendienerin im östlich gelegenen Aberdeen. Sie hat meine Anstrengungen immer sehr gefördert und unterstützt.“

Das Licht in der Kapuzinergruft erlosch. Silvestro war so schnell verschwunden als er erschienen war. In den Gängen der Aufgebahrten fanden Jason und Dagleish lediglich noch ein paar Häufchen Asche. Man stieg aus dem ewigen Grab empor.

In einer nicht weit entfernten, sehr beschaulichen Bucht lag ein Liebespaar in der Sonne. Franco und Nicola bedienten sich gerade an ihrer mitgebrachten Kühlbox.

„Man muss das Leben auskosten in vollen Zügen, so lange es noch unbeschwert ist, Schatz.“

Nicola nickte und blätterte in einem Buch. Sie war überdurchschnittlich intelligent und das Lernen bedeutete für sie Spaß.

Die Entdecker der britisch-italienischen Beziehungen hingegen flogen postwendend zurück nach Edinburgh. Nach einer kurzen Zugfahrt erreichte man Aberdeen. Rosalias Zwilling glich einem Kohlebrikett. Doch unter ihrem ehemaligen Standort konnte man in Stein geschlagen lesen:

„Lernt um zu lehren und zu leben. Wissen ist Macht. Silvestro da Gubbio. 1599.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am April 22, 2011 von in Kurzgeschichten.

Navigation

Tags

Literaturdepot

Um neue Beiträge per E-Mail zu erhalten, hier die E-Mail-Adresse eingeben.

Schließe dich 19 Followern an

%d Bloggern gefällt das: